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Alles flach….. 

Hallo zusammen,

das Vorhaben Norseman ist vollbracht:-) leider nicht ganz. Ich habe mit dem Gaustatoppen noch eine Rechnung offen. Vorweggenommen, kann ich jedoch sagen, dass meine Vorbereitung funktioniert hat, so wie der Umfang von sieben Stunden Training in der Woche, für den Norseman ausgereicht hat. In jeden Fall steht beim Norseman fest: Ob weiblich oder männlich, ob alt oder jung. Das ist beim Norseman egal.. 160zigster ist 160zigster. Und keiner mehr.

Und dieses Reglement beeinflusst alles, vor allen Dingen den Kopf.  Man bekommt den Eindruck, dass alleine das Beenden des Wettkampfes nicht viel Wert ist.  Auch ich habe das in mir verinnerlicht.  Aber dazu später mehr.

Norwegen ist alles andere als flach

Das Land Norwegen ist schon sehr bizarr. Meist kalt und fast immer Regen. So durfte ich es in der Woche beim Norseman erleben. Und wenn ein Norweger sagt, es sei flach, dann ist das für uns Deutsche eine glatte Lüge. Ich wohne in Bayern, und somit weiss ich sehr wohl, was flach oder was bergig ist. Ich habe viele Berichte über den Streckenverlauf im Vorfeld gelesen. Angeblich kommt nach dem 30 Kilometer langen ersten Anstieg, eine 50 Kilometer lange flache Radstrecke. In Wirklichkeit ist der erste Anstieg nur ca. 20 Kilometer lang und die 50 (norwegischen) flachen Kilometer, sind derart kupiert, das es alles andere als flach war. Ich weiß jetzt: Norwegen ist NIE flach.

Dazu kamen über 120 Kilometer währender Regen und Wind. Schlimmer konnte es nicht kommen, dachte ich, und dachte falsch. Es kam schlimmer. Bei fünf Grad gesellte sich dann noch Graupelschauer mit heftigsten Windböen dazu, was jedoch auch schon egal war. Meine Füße spürte ich seit Anfang nicht mehr, und meine Hände waren so gefroren, dass ich einhändig nicht mehr schalten konnte.

Peter Waldas

Aber nun zum Anfang

Um 4:00 Uhr legt die Fähre von Eidfjörd mit ca. 260 Athleten ab. Die Stimmung ist gruselig. Sehr schwer zu beschreiben, weil irgendwie unwirklich. Ich nahm im ersten Stock der Fähre Platz und beobachtete die anderen Teilnehmer. Jeder hat so sein Ritual, sodass mancher die Augen zu hatte, oder sich in leiser Stimme mit seinem Nachbarn unterhielt. Beim Anblick der Anderen kamen bei mir natürlich wieder Zweifel auf, ob ich zu solchen gut durchtrainierten Sportlern gehöre. Die meisten haben kein Gramm Fett an sich, und sind sehr, sehr drahtig. Aber egal…. Ich war nunmal da, und war ja auch vorbereitet.

Nach rund 30 Minuten Fahrt, ging ich auf die Ladefläche der Fähre, wo sich schon  einige Athleten befanden. Ziemlich schnell füllte sich das Deck, bis eben alle Starter auf das Öffnen des Tores warteten. Ich muss gestehen, ich hatte schon Angst, da ich eben nicht wusste, was da so auf mich zukommt. Am liebsten hätte ich meinen Daumen in den Mund gesteckt und Mama gerufen:-)
Gegen 4:45 Uhr öffnete sich dann das Tor… Fast schwarze Nacht war zu sehen und etwas Wind zu spüren. In ungefähr 150 Meter Entfernung konnte ich die Kanus ausmachen, die die Startlinie markierten. Da ich nicht schon 15 Minuten vor Startbeginn, im kalten Wasser warten wollte, entschied ich mich erst um 4:55 rein zu springen… So hoch wie beschrieben war es nicht. Vielleicht 2,50 Meter.

Auch fand ich das Wasser nicht so kalt, mit seinen 15 Grad. Ich schwamm ziemlich weit nach rechts, in Richtung Land, weil dort angeblich die Strömung nicht so stark sein sollte. Mein Respekt vor den Topsportlern lies mich in dritter Reihe auf den Startschuss warten. Ob Schuss oder Horn, weiss ich ehrlich gesagt gar nicht. Irgendwie habe ich gar nichts gehört, weil meine Gedanken ganz wo anders waren. Der Start in dritter Reihe stellte sich dann ersteinmal als Fehler heraus, da ich sofort alle überholte. Wie ich das gemacht habe, weiss ich nicht. Es lief super…. Der Wellengang war hoch, und wie von Geisterhand ritt ich gefühlt dahin. Die meisten schwammen ca. 50 Meter links von mir, was mich jedoch nicht sorgte. Obwohl es gegenüber normalen Langdistanzen nur ein paar Athleten waren, hatte ich bestimmt die ersten 400 Meter ziemlich viel Verkehr im Wasser, was sich danach aber schnell entzerrte. Auf einmal war ich so weit rechts, dass ich fast gegen einen Felsen geschwommen wäre. Wie sich danach herausstellte, bin ich wohl viel Zick Zack geschwommen, sodass sich meine Schwimmstrecke anstatt auf 3,8 Kilometer, auf 4,2 Kilometer ausdehnte. Das schlimmste war, dass die erste und einzige Boje einfach nicht kommen wollte. Als ich sie sah, war ich ca. 150 Meter nach rechts abgetrieben, und es wurde gefühlt um fünf Grad kälter. Ab dem Zeitpunkt bekam ich Kopfschmerzen und mir wurde von den Wellen schlecht. Nach genau einer Stunde bog ich an der gelben Boje nach links ab, in Richtung Steg. Jetzt waren die Wellen so hoch, dass ich überhaupt nicht mehr voran kam. Gott sein Dank ging es den Anderen genau so.

Nach eben den 4.200 Metern und einer Zeit von 1:18 Stunden kam ich unter den ersten 45 in die Wechselzone. Eigentlich keine gute Schwimmzeit, jedoch bei den Bedingungen ziemlich gut, da nur der Sieger und der 4. schneller waren als ich. Bis zum 30. Gesamtplatz war ich wie es schien, schneller. Und das ich als eigentliche Pfeife. ( klar… fett schwimmt).

Wechsel unter erschwerten Bedingungen

Normal wechsle ich schnell. Diesmal leider nicht, obwohl mein Supporter einen super Job gemacht hat. Meine Finger und Füsse waren einfach zu kalt und ungelenkig. Es war jedoch ein tolles Gefühl, die vielen Räder der Anderen noch in der Wechselzone zu sehen.

Nun fuhr ich gleich mit über 35 km/ h los, bis ich nach fünf Kilometer schon den Ersten mit Platten stehen sah. Er hatte mein Mitleid, und ich fuhr weiter, mit dem Wissen, ja die schwersten, aber pannensichersten Reifen aufgezogen zu haben.. Kilometer Sieben……. Ich konnte es nicht glauben… Ich hatte einen Platten. Wie geht denn das???? Ich hatte noch nie in einem Wettkampf einen Plattfuss. Ich kann Euch sagen: das ist die Hölle… Da ist man so weit vorne, und muss zusehen wie ca. 50 Mann an einem vorbei fahren.. Bis ich mein Handy eingeschaltet hatte und mein Supporterteam erreichte, die dann auch ziemlich schnell bei mir waren, vergingen gut 15 Minuten incl. Laufradwechsel.

Das defekte Laufrad war Carbon, und der Ersatz Alu… toll….. Somit hinten so gut wie keine Bremswirkung mehr, sowie eine leicht andere Übersetzung:-( In den 15 Minuten ist meine Psyche total in den Keller gefahren. Das Ziel den 160. oder besser, war unerreichbar geworden. Das kann es doch nicht gewesen sein??!?

Nun gut. Nach der Pannenbehebung fuhr ich so gut ich konnte weiter, jedoch mit einem Zorn in mir, der lange nicht verflog. Da eh schon alles egal war, habe ich meine Pausen am Supporter Fahrzeug  lockerer angehen lassen, da die 15 Min eh nicht mehr einzuholen waren. Da ich noch nie 3.800 Höhenmeter mit dem Rad gefahren bin, war ich sehr überrascht wie gut es doch lief.

Ab auf die Laufstrecke

Vor allem aber hatte mir die Kälte schon sehr zugesetzt. Besonders der Graupelschauer. Da man ja ab und zu mit über 70 km/h den Berg runterfährt, sind die Stiche im Gesicht sehr unangenehm, und das Fahren artet fast schon in einen Blindflug aus. Nach 7:40 Stunden und einem Schnitt von 25,2 km/h kam ich in die Wechselzone Zwei, wo mein Supporter schon wieder auf mich wartete. Komischerweise kann ich mich an beide Wechsel nur Schemenhaft erinnern. Als wenn sie nie stattgefunden hätten. Auch das Wechseln  vom Rad aufs Laufen hat gefühlt sehr sehr lange gedauert. Als ich über die Zeitnahmematte lief, hielt man mir ein Schild vor die Augen mit der Nummer 150. Also nur noch 10 Plätze durfte ich verlieren, um noch auf den Berg zu kommen. Da ich wieder einmal Austreten musste (sicher bis dahin zehn Mal – muss wohl an der Kälte gelegen haben) sind schon die ersten Zwei an mir vorbeigelaufen. Somit durfte ich mich nur noch von acht Athleten überholen lassen.. Einmal umgedreht, sah ich schon die Nächsten.

Da mir meine schlechte Laufperformance durchaus bewusst war, wusste ich, ich würde nie und nimmer über fast 40 Kilometer die Plätze halten können. Ab dem Zeitpunkt gibt man innerlich auf. Zwar konnte ich die ersten Kilometer in 5:20 laufen, was aber leider nicht reichte. Ab jetzt lies ich es locker angehen, da der Berg für mich unerreichbar war. Ich machte am Supporter-Fahrzeug längere Pausen, da ich ja sicher den Norseman finishen würde. Leider eben nicht auf dem Gaustatoppen, da ich bei KM 32,5 die Platzierung 187 hatte.  Die letzten vier Kilometer im (norwegisch) flachen. An der Stelle, wo die ersten 160 gerade laufen (gehen) müssen, musste ich nach links abbiegen. Nur noch vier Kilometer leicht bergig, und dann zehn Runden am Hotel à 600 Meter. Dort läuft niemand mehr, weil es ja egal ist, welche Platzierung man für das weisse T-Shirt macht. Dort herrscht Partystimmung, und man wird mit Kaffee und Chips versorgt. Norweger gehen mit einem immer wieder ein paar Meter mit, und sprechen jedem gute Worte zu.

Das Finale

Ich muss sagen, dass der Event super organisiert ist. Eine echt familiäre Stimmung…. die Chefs der Veranstaltung sind bei den zehn Runden permanent dabei, schwingen norwegische Fahnen und sind sehr aufmunternd. Mir war trotz Erschöpfung klar, dass ich hier nächstes Jahr nochmals her muss. Das lasse ich mir von einem Reifen nicht noch einmal nehmen. Ob ein Reifenhersteller eigentlich weiss, was er damit einem Sportler antut? Ich glaube kaum. Da trainiert man neun Monate, schränkt sich mit Essen ein, nimmt drei Mann/Frau mit nach Norwegen, fährt 4.500 Kilometer mit dem Auto, gibt echt Unsummen von Geld aus, um eben ein Ziel zu verfolgen. Versucht alles richtig zu machen, kauft die standhaftesten Reifen, die es auf dem Markt gibt, überlegt sich die Reifen nicht ganz neu zu fahren, aber auch nicht schon zu alt und verlässt sich eben auf Dura Skin Seitenschutz, SafetySystemBraker und was alles geschrieben wird, um die Ware zu verkaufen. Nimmt das erhöhte Gewicht in Kauf, weil man eben KEINEN Plattfuss erleiden möchte. Und dann stoppt die schlechte Ware ein so grossen Vorhaben. Ich kann mir schon vorstellen, was die große Handmade Firma mir sagen wird. Ausreden über Ausreden. Sicher schickt man mir kostenlosen Ersatz für den Reifen. Aber dafür kann ich mir auch nichts kaufen. Die Panne hat mich den Berg gekostet. Das nächste Mal kaufe ich mir irgendeinen No-Name-Reifen, und bin dann zumindest nicht überrascht, wenn es Probleme gibt.

In jeden Fall sollte ich nicht unzufrieden sein. Ich habe als 52 jähriger Mann mit nur sieben Trainingsstunden die Woche die immerhin härteste Langdistanz der Welt in Würde beendet. Auch bleibt mir ein Ziel erhalten, es nochmals zu versuchen.

Ich bedanke mich bei triathlon.de ohne ich dieses Vorhaben nie erreicht hätte. Danke an mein super Supporterteam, an meinen unermüdlichen Fotografen Jürgen Amann, von dem wir noch spektakuläre Bilder sehen werden. Danke an Jürgen Bäumer, der permanent an meiner Seite war, und alles für mich gemacht hat (er hätte mir sogar den Hintern ausgewischt, wenn es nötig gewesen wäre) und natürlich an meine Tochter, die auch einen 20 Stunden Tag mit mir durchgehalten hat, und sogar ab Kilometer 32,5 mit mir den Zombyhill hochging. Respekt dafür.:-)

Danke fürs Lesen des Blogs… Ich hoffe es hat Euch nicht gelangweilt, und ich konnte ein wenig den Spirit der tollen Veranstaltung transportieren.

Viele Grüße

Euer Peter

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