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Ironman Hawaii: Aerodynamik – Old school vs. Hightech

9. Oktober 2015 von Bernhard Scholz

Hawaii 2014 Bike CourseDie „German Bike Demons“ sind gefürchtet auf Hawaii. Hellriegel, Zäck – Nicht erst seit Sebastian Kienle gehören deutsche Athleten immer wieder zu den stärksten Radfahrern im Feld. Wie sich das Radmaterial in den vergangenen Jahren entwickelt hat wollen wir uns an den deutschen Hawaii Champions ansehen.


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Thomas Hellriegel

Hawaii Podium:

  • Platz 1 1997
  • Platz 2 1995 , 1996
  • Platz 3 2001

Hellriegel war eine Macht auf dem Rad. Sein Centurion Helldrive Bike hatte noch einen Alu Rahmen, war aber schon aerodynamisch optimiert (integrierte Sattelstütze, tropfenförmgie Rohre, breite Gabelscheiden), wenngleich heutige Bikes mittels CFD und Windkanal sicher ausgeklügelter sind. Laufradgrößen von 28“ hinten und 26“ vorne verliehen dem Rad einen aggressiven Look. Die Mavic Cosmic Carbon Laufräder sind in ähnlicher Form immer noch auf dem Markt, ein echter Dauerbrenner. Vom Topmodell sind sie allerdings immer weiter abgerutscht und bilden heute den Einstieg ins Mavic Aero Segment. Laufräder mit Profilen zwischen 30 und 50mm waren der Standard im Aero Segment. Auch Campagnolo Shamal war ein oft gesehener Vertreter. Auch HED und Zipp waren schon unterwegs.

Die größte Entwicklung fand im Bereich des Lenkers statt. Schaft-Vorbauten sind heute ausgestorben, und Alu Lenker mit runden Rohrformen bestenfalls noch an den günstigsten Einstiegsmodellen zu finden. Aerohelme waren noch kein großes Thema, dafür war die Badehose schon vor Faris salonfähig.  Auch Hellriegel nutzte schon eine Trinkflasche zwischen den Armen, und zusätzlich hinter dem Sattel. Trotz des aggressiven Rades hatte er eine eher aufrechte Sitzposition und Kopfhaltung.

Norman Stadler

Hawaii Podium :

  • Platz 1  2004 , 2006
  • Platz 3  2000

Über Normann Stadler sagte man früher, er wäre ein Radfahrer mit den Hobbies Laufen und Schwimmen. Sein Podestplatz 2000 zeigt dass er schon in früheren Jahren Top-Speed hatte, aber seine Radperformance leider nicht zum Laufen übertragen konnte, was er in den Jahren 2004 und 2006 dann schaffte und damit als zweifacher Sieger der erfolgreichste Deutsche in Hawaii ist.

Interessant ist dabei, wie stark sich sein Rad in nur zwei Jahren verändert hat. Obwohl er beide Siege auf dem Kuota Kalibur errungen hat, scheint es, als würde er zwei völlig verschiedene Räder fahren. 2004 war er noch mit Campagnolo Schaltung unterwegs und fuhr Campas Bora Laufräder mit gemäßigten 50mm Profilhöhe. Sein Helm war ein „normales“ Rennradmodell, welches aber zu aerodynamischen Zwecken oben geschlossen war.

2006 war sein Rad nicht nur mit einer Sonderlackierung versehen, sondern auch komplett anders aufgebaut. Am Hinterrad vertraute er jetzt dem höheren Zipp 808, während er vorne trotzdem beim niedrigeren 404 blieb, welches weniger windanfällig ist. Der ehemalige Lenker mit den nach oben gebogenen Enden wich einem komplett flachen Modell, und auf dem Kopf saß ein reiner Zeitfahrhelm. Auch die Sitzposition wirkt flacher und perfektioniert. Trinkflachen zwischen den Armen und hinter dem Sattel blieben. Sein 2006er Rad wäre auch heute noch ein würdiges Sieger-Rad, und Stadler ist mit diesem Rad auch nach wie vor Streckenrekordhalter für den Bikesplit in Kona mit 4:18,23. Nach wie vor ist er auch ein Musterbeispiel für Sitzposition.

Faris Al-Sultan

Hawaii Podium

  • Platz 1 2005
  • Platz 3 2004 , 2006

Auf eine Frage zu seiner Taktik sagte Faris einmal: „Schnell schwimmen, schnell radfahren und schnell laufen. Ich werde auf Keinen warten:“ Und genau so gestaltete er sein Rennen 2005. Er ging nach vorne und schaute nicht zurück. Seine Art, Rennen mit offenem Visier zu bestreiten, brachte ihm viele Fans weltweit.

Sein damaliger Radsponsor Cannondale stieg erst spät in die Herstellung von Carbonrahmen ein, so war auch Faris 2005 noch mit einem Alu Rahmen der US Marke unterwegs. Auch runde Sattelstützen waren zu dieser Zeit eigentlich schon überholt. Die Xentis Laufräder hatten Anfangs des Jahrtausends durch Jan Ullrich eine Hochphase, sind aber auch heute noch aktuell, auch wenn neuere Modelle etwas verändert sind. Die hauseigene Cannondale SI Kurbel war damals die wohl beste Kurbel auf dem Markt und gehört auch heute noch zum Besten was es zu kaufen gibt. Cannondale war der erste Hersteller weltweit, der auf das BB30 Tretlager mit 30mm Achse setzte, welche heute zu einem Standard geworden ist (dem lediglich Shimano aus Trotz noch nicht folgt). Hier zeigt sich wahre Innovation. Auch er nutzte einen langen Zeitfahrhelm für bestmögliche Aerodynamik. Sein langer Vorbau wirkt gewöhnungsbedürftig und sein Flaschentransport in der Badehose ist legendär.

Sebastian Kienle

Hawaii Podium

  • Platz 1 2014
  • Platz 3 2013

Nach zwei Weltmeistertiteln auf der Mitteldistanz (wo er seine Konkurrenz komplett aus den Socken gefahren hat), gelang Sebastian Kienle auch auf der Langstrecke der große Wurf. Dass dabei in Sachen Material ein Quantensprung seit dem letzten deutschen Sieg passiert war, sieht man sofort. Das Scott Plasma 5 war zu dieser Zeit noch gar nicht offiziell auf dem Markt und somit ein ganz neues, aerodynamisch perfektes und schnelles Rad. Nichts steht mehr im Wind, wie es noch an Stadlers Bike 2006 der Fall war. Keine Kabel, keine Bremsen, die Flasche integriert, am Unterrohr eine Aero Flasche, dazu die Speed Box am Oberrohr. Aerodynamisch wird alles ausgereizt. Entgegen Stadler fährt Kienle die Zipp 808 nicht nur hinten, sondern auch vorne, und nicht wie Stadler als Tubular, sondern als Clincher Variante. Die Aerohelme sind tendenziell wieder etwas kürzer geworden um auch Bewegungen des Kopfes aerodynamisch eher zu tolerieren. Wie am Rad, so ist auch in Sachen Bekleidung eine neue Ära angebrochen. Anzüge mit kurzen Ärmeln  sollen deutliche Watteinsparungen bringen und sind schnell zur Standard-Ausrüstung geworden.

Interessant ist, dass alle deutschen Hawaii Sieger in reinen Triathlon Schuhen unterwegs waren, während einige Athleten auf der Langdistanz auch Straßen-Modelle aufgrund der besseren Anpassungsmöglichkeiten nutzen. Keiner der vier Champions war mit einer flächigen Zeitfahrkurbel unterwegs, was aber sicher auch  auf die jeweilige Sponsoren-Situation  ankommt.

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Foto: Ingo Kutsche


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Unser Bikeexperte Bernhard Scholz ist Autor dieses Artikels und gelernter Zweiradmechaniker und hat schon so einige Räder prominenter Radsportler verarztet. Der bekennende Triathlet und Materialfetischist gibt unter anderem auch immer wieder gute Tipps bei uns im Forum. Dort treibt er als triQ sein Unwesen.
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