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Interview mit Sebastian Weber: „Effizienz hat einen sehr großen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit“

17. Februar 2017 von Christine Waitz

Christine Waitz, freiVor über zehn Jahren gründete Sebastian Weber das STAPS-Institut. Damals war es die Nachfrage von Athleten nach einer von Sebastian entwickelten Methoden der Leistungsdiagnostik, die zur Gründung von STAPS führte. Auch heute noch arbeitet Sebastian an der Weiterentwicklung und Anwendung von Methoden zur Leistungsanalyse. Zusammen mit einem internationalen Team hat er das  Computerprogramm INSCYD entwickelt, das es durch ein  Zusammenspiel aus Laktat- Spirometrie und Leistungsdaten möglich macht, tiefgründige Einblicke in die Physiologie eines Sportlers zu erlangen. Wir haben uns mit ihm unterhalten.


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Der normale Laktat-Stufentest, der an der Uni Anwendung fand, war ihm zu ungenau. Deshalb arbeitete der Diplom Sportwissenschaftler an einem neuen Verfahren zur Leistungsdiagnostik. STAPS kürzte er sein Verfahren ab und gründete bald darauf das gleichnamige Trainingsinstitut. In Radsport-Teams vom T-Mobile Team bis zuletzt dem Team Cannondale brachte er sein Wissen zur Anwendung. Radprofis wie der 4-fache Zeitfahrweltmeister Tony Martin, Alban Lakata oder Andre Greipel, sowie zahlreiche Ironman Profis, vertrauen oder vertrauten auf sein Wissen im Bereich der Trainingsbetreuung. .

Im Rahmen der Entwicklung und der Anwendung von INSCYD konzentriert sich Sebastian Weber auf die Verbesserung seiner Analysen und arbeitet als Berater des französischen nationalen Schwimmerverbands sowie des irischen Radsportverbands.

 Sebastian Weber, einmalig

Hallo Sebastian,
lange galt die Laktatdiagnostik als unkomplizierteste und zuverlässigste Methode der Leistungsdiagnostik. Dir schien die Methode jedoch schon 2006 zu ungenau. Was war deine Kritik an den Messverfahren und wie sah deine Lösung damals aus?

Es ist seit den 80ziger Jahren ein bekanntes Problem, dass die Beurteilung der Leistungsfähigkeit rein durch das Laktat unzureichend ist. Die Lage der Laktatkurve im Stufentest ist primär abhängig von der maximalen aeroben (VO2max) sowie anaeroben (VLamax) Leistungsfähigkeit. Wenn ich beide Parameter nicht kenne, also einzeln messe, dann ist es schlichtweg unmöglich eine Veränderung Laktatkurve – z.B. durch ein Training – richtig zu interpretieren.
Vor allem im Laufen und Schwimmen kommt hinzu, dass die Effizienz einen sehr großen Einfluss hat. Alle reden über Laufökonomie und Schwimmtechnik, aber die wenigsten messen das wirklich und schauen, ob hier Potential zur Verbesserung liegt. Genau das haben wir z.B. hier im Schwimmkanal gemacht.

In der Geschichte der Leistungsdiagnostik war das Verfahren Spiroergometrie die erste Methode, um Leistungsfähigkeit zu bestimmen, wurde jedoch ab den 1980er Jahren von der Laktat-Leistungsdiagnostik langsam abgelöst. Erst in den letzten 15 bis 20 Jahren gewann, nicht zu letzt dank der Entwicklung neuer Messgeräte, die Spiroergometrie wieder an Bedeutung. Du kombinierst heute beide Verfahren. Warum? 

Wenn wir über Effizienz sprechen, heißt das nichts anderes als: wieviel Energie wende ich auf, und wie schnell bin ich damit. Im Radfahren haben das die Meisten verstanden: hier ist das Thema Aerodynamik in aller Munde und jeder Triathlet kann heute auf die Radrennbahn gehen und live und in Echtzeit seine aerodynamische Effizienz ermitteln und verbessern.
Entgegen dem Radfahren ist es im Schwimmen und Laufen nicht so einfach die erbrachte Leistung zu messen. Daher gehen wir hier direkt an den Stoffwechsel, d.h. messen die durch den Sportler umgesetzte Energie und rechnen die Geschwindigkeit dagegen. Dazu braucht es sowohl die Spirometrie (um den aeroben Energieanteil zu erfassen), als auch die Laktatanalyse (um den anaeroben Energiebetrag zu berechnen).

Zusammen mit Roy Hinnen warst du im Schwimmkanal in Horgen an einem Neopren-Test beteiligt, der in dieser Form so noch nie durchgeführt wurde (Anm. d. Red.: Ergebnisse des Tests morgen auf triathlon.de). Was war neu? Welche Erkenntnisse nimmst du aus dem Test mit?

Christine Waitz, freiEs ist richtig, dass so ein Test mit Neoprenanzügen vermutlich weltweit ein Novum ist. Die Testmethodik an sich ist es jedoch nicht. Die Messung der Effizienz, d.h. Energieaufwand vs. Schwimmgeschwindigkeit, ist ein mittlerweile recht weit entwickeltes Verfahren, wie ich es zum Beispiel auch mit dem französischen Schwimmverband mache, und auch 2016 für Delegierte der FINA einbringen konnte. Neu ist dafür, nicht die Effizienz verschiedener Athleten zu vergleichen, oder wie sich diese durch Training verbessern lässt, sondern den Einfluss der Bekleidung damit zu messen.

Der Schwimmkanal von Roy ist für so einen Test perfekt geeignet, da er absolut konstante Bedingungen bietet und auch öffentlich zugänglich ist – einzigartig in Europa. Wir haben diverse Leistungsdiagnostiken hier vorher durchgeführt und die Messgenauigkeit ist viel besser als im Pool. Damit hatten wir perfekte Bedingungen für eine Analyse.

Wo siehst du das größte Potential für eine Weiterentwicklung der diagnostischen Möglichkeiten?

Durch den leichten Zugang zu größeren Datenmengen aus Training und Wettkampf, werden die Analysen in Zukunft wesentlich praxisnäher sein. Dazu gehört: raus aus dem Radlabor und rein in’s Feld. Wir können mittlerweile die Trainings- und Wettkampfdaten z.B. eines Leistungsmessers verwenden, um die Stoffwechsellage im Training oder Wettkampf zu visualisieren. Damit wird es möglich viel Spekulation aus der Wettkampf- und Trainingsanalyse zu elimieren. Das beginnt bei der Beurteilung der Wettkampfanforderungen und geht hinein bis in Details wie die Ermittlung des exakten Kohlenhydratverbrauch z.B. auf der Radstrecke, bevor es zum Laufen geht.

Die Messgeräte werden auch immer kleiner und besser. Für den Test hier haben wir einen Prototypen von VO2master eingesetzt: die kleinste Spiro der Welt, welche Ergebnisse in Laborqualität liefert.

 

 Sebastian Weber, einmalig

Sebastian Weber beim Aero-Test

Wenn ein Profi-Sportler Analyse zur Perfektion betreibt, mag das verständlich sein. Doch macht so ein Aufwand für Altersklassenathleten überhaupt Sinn?

Die Frage kommt sicherlich häufig und zu Recht. Historisch ist es so, dass Innovationen, welche heute im Spitzensport zu finden sind, morgen im Amateursport ankommen, und später sogar bis auf die Ebene des Gelegenheitssportlers oder Fitnessstudio-Besuchers transportiert werden.

Die Messung der Schwimmeffizienz bzw. der objektiven Ermittlung der Zeitersparnisse durch die Verwendung unterschiedlicher Neoprenanzüge halte ich für Altersklassenathleten für ausgesprochen sinnvoll. Die meisten haben nicht unendlich viel Zeit für’s Training zur Verfügung und können daher den Trainingsumfang nicht einfach steigern, um die körperliche Leistung zu steigern. Wenn ich jetzt aber weiss, dass Schwimmeffizienz Potential bietet, um schneller zu werden, dann bietet mir das als Altersklassenathlet die Möglichkeit schneller zu werden, ohne im gleichen Umfang mehr Trainingszeit aufwenden zu müssen.

Und was die Wahl des Neoprenanzugs angeht, ist doch ebenso offensichtlich: wenn ich mir ohnehin einen Neoprenanzug anschaffen möchte, warum dann nicht den Schnellsten nehmen, der im Budget liegt. Zumal: der Preis für einen Neoprenanzug korreliert nicht direkt mit der Zeitersparnis, d.h. Mittelklassemodelle von einem Hersteller können mehr Zeitvorteil bieten, als das Spitzenmodell eines anderen Herstellers bei geringeren Anschaffungskosten.

Info zu Sebastian Weber:

Name: Sebastian Weber

Studium: Dipl. Sportwissenschaftler (Sporthochschule Köln), Molekulare Humanbiologie (Uni Marburg)

Erfolge (Auszug): 

  • Mehr als 130 Athleten-Siege in Straßenrennen, Zeitfahrrennen, sowie Siege bei Ironmans, in den letzten 8 Jahren
  • zahlreiche WM-Medaillen im Zeitfahren (Tony Martin, Bert Grabsch, Anton Vorobjev), im Straßenradsport (André Greipel) und MTB (Alban Lakata) 5x Gold, 3x Bronze
  • zahlreiche Siege und Podiumsplatzierungen bei der Tour de France und der Vuelta d’Espagna (Greipel, Martin, Sagan, Grabsch, Sivtsov, Belkov, Rodriguez …)

Websites: www.INSCYD.comwww.VO2master.com

Fotos: triahtlon.de, Sebastian Weber

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