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Interview mit Roy Hinnen: „So wie du die Rennen machst, lebst du auch dein Leben“

26. Juni 2015 von Christine Waitz

Roy Hinnen,   einmaligIn wenigen Tagen präsentiert Roy Hinnen sein Buch „Triathlon Total“. Ein Buch rund um Triathlon – das klingt ersteinmal nicht ungewöhnlich. Dennoch. Wer das Buch zur Hand nimmt, findet keine Trainingsbibel vor, sondern einen Leitfaden. Denn zum schneller werden muss man in erster Linie an sich selbst arbeiten, meint der Autor mit 30 Jahren Triathlon-Erfahrung. Wir haben uns mit ihm unterhalten.


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1985  – Triathlon war noch exotisch, hatte gerade erst seinen Weg nach Europa gefunden. Roy Hinnen steht in Zürich als 19-jähriger erstmals hinter der Startlinie eines solchen Rennens. Schon ein Jahr später reiste er in das damalige Triathlon Mekka. In Kalifornien lebte er den Triathlon Lifestyle in seinen Anfängen. Im Dunstkreis von Größen wie Mark Allen.
Triathlon Training war zu dieser Zeit ein ständiges Ausprobieren, Testen, Evaluieren. Ein andauernder Selbsttest. Und genau darin mag das Geheimnis von „Triathlon Total“ liegen. Roy Hinnen bietet keine Patent-Lösungen. Denn es gibt keine. Roy Hinnen bietet einen Trainings-Leitfaden, der auf selbsterprobten Strategien basiert, den Sportler dazu auffordert zu reflektieren, und dennoch aktuellste Technik nutzt.

Ein Ziel: Schneller werden

Roy Hinnen, einmaligDabei geht es vor allem um ein Ziel: Um das Schneller-Werden. Roy Hinnens Buch richtet sich an Sportler, die bereits Trainings- und Wettkampferfahrungen gesammelt haben und nun ihre persönliche Bestzeit verbessern möchten. Ehrlich, geradlinig, machmal erstaunlich simpel, so der Grundton des Leitfadens.
Ebenso wichtig: Das Ziel zu erreichen rechtfertigt nicht jeden Preis. So stellt der praktizierende Zen-Buddhist auch Fragen, die sich sonst wohl nicht in Trainingsbibeln finden. Für ihn gehört das „Warum?“ zum festen Bestandteil des Trainings, gehört die geistige Gesundheit genauso dazu, wie die Körperliche. Nicht überraschend also, dass sich auch Inhalte zu Meditation und mentalem Training finden.

Hallo Roy! 30 Jahre Triathlon Erfahrung. Das klingt eher nach einer ganzen Buch-Reihe. Wie schafft man es all das in ein Buch zu packen? Oder ist Triathlon Training tatsächlich so simpel?

Ich handle immer bevor ich nachdenke! Nein, im Ernst, ich habe damals, im Februar 2014, einfach mit der BikeFormel begonnen, und habe dann ohne großen Plan einfach alles an Wissen aufgeschrieben. So ab Dezember letzten Jahres fühlte sich die Sache an, wie bei Kilometer 35 im Marathon: Totales Chaos, keine Struktur, fast fertig, aber irgendwie dennoch ewig weit vom Ziel entfernt. Da aber die Übung den Meister macht, kam dann Plötzlich die zweite Luft, das Buch bekam eine Dynamik und ich musste mich dieser nur noch fügen. Das Endresultat ist ein Arbeitsbuch für neugierige Triathleten, die vorwärts kommen wollen.

Simpel? Eigentlich nicht. Denn Triathlon besteht nicht aus drei Sportarten, sondern aus vier. Die vierte ist Triathlon selbst. Das heisst, schnell zu schwimmen, zu radeln oder zu laufen, macht dich noch lange nicht zu einem kompletten Triathleten. Du musst die Summe des ganzen verstehen, und das auf lange Frist. Das kannst du nur, wenn du die positive und auch negative Wirkung der einzelnen Sportarten zueinander verstehst.
Macht es Sinn drei Stunden Dauerläufe zu machen und gleichzeitig ein Krafttraining zu absolvieren? Nein sicher nicht. Hormonell und stoffwechselbedingt sind die Voraussetzungen schlecht, einen Kraftzuwachs zu gestalten, wenn du schon drei Sunden deine Beine „ausgelatscht“ hast. In meinen Coachings fordere ich deshalb das Feedback sehr. Denn ich will, dass meine Athleten verstehen, was für Auswirkungen ein Training auf ein Folge-Training hat. Nur so können sie die drei Sportarten längerfristig komplementieren, das macht dann richtig Spaß wenn der Athlet dieses versteht.

Als junger Athlet musstest du dir deine Trainingspläne selbst erarbeiten. Es gab noch keine Trainingslehre, noch keine Puls- und Wattmesser, noch keine Auswertungs-Tools. Heute kann jeder auf Unmengen von Wissensressourcen zugreifen. Fluch oder Segen?

Eher Segen, denn es schult dich, aus Fehlern zu lernen! Diesen Mut, neue Grenzen auszuloten, vermisse ich manchmal bei der „heutigen“ Athletengeneration. Die wissen immer schon zu viel, bevor sie etwas Neues ausprobiert haben.

Schon immer auch hast du dich für das Triathlon-Material interessiert. Du brachtest als erster den Aerolenker nach Europa, produziertest deine eigenen Räder und deine eigenen Neoprenanzüge. Warum glaubst du, sind gerade Triathleten so innovationsfreudig? 

Nehmen wir Steve Hed (HED wheels) oder Dan Emfield (Slow twitch/Quintana Roo) – sie Repräsentieren diesen offen Spirit der ersten Generation Triathlon Produkt Designer. Sich unvoreingenommen einer Sache anzunehmen und zu tüfteln, bis es passt. Das hat etwas mit Naivität zu tun. Doch wer kann ich das in unserer Zeit noch leisten, Naivität! Alle wissen doch schon alles! Oder behaupten es zumindest.

Im Prozess des Schreibens wurde mir erst klar, wie wenig ich weiß. Das ist der größte Gewinn, den ich aus dem Buch für mich gezogen habe. Ich weiß jetzt besser, wo ich noch Potential habe, als Coach.

Roy Hinnen, einmalig

Roy Hinnen

Neben Training und Material schreibst du in deinem Buch auch über Gesundheitsthemen: Ernährung, Blutwerte, Verletzungen. Dass diese Faktoren zu einem leistungsstarken Körper gehören, hat mittlerweile jeder erkannt. Deutlich unterschätzt wird von vielen jedoch die mentale Komponente, die du in Kapiteln wie Zen-Training ausführlich behandelst. Wann hast du erkannt, dass diese Strategien dir helfen leistungsfähig zu sein?

Ich musste nach der Schule auf die Karte Sport setzen, denn ich war ein schlechter Schüler. Meine Lieblingsfächer, Turnen und Handwerken, wurden vom damaligen System nicht anerkannt. Das machte mich als junger Bub traurig. Über den Sport habe ich mir meinen eigenen Lehrmeister erarbeitet, und irgendwann mal erkannt, dass mir das auch im Leben hilft. Ist es nicht so? So wie du die Rennen machst, lebest du auch dein Leben. Frage dich mal? Wenn dich das leben enttäuscht hat, dann wird das früher oder später auch im Triathlon der Fall sein. Wenn du aber im Triathlon den Meister findest, kannst du das Leben allgemein besser meistern. Es gibt da keine festen Grenzen, alles fließt – panta rhei.

Triathlon, heute und in Zukunft – wo siehst du den Sport in zehn Jahren?

Schwierige Frage! Meine jüngste Athletin ist heute 14 Jahre alt, wir arbeiten Richtung Olympia 2020. Ich werde an der Ziellinie stehen und sie wird einen Podestplatz erzielen! Es werden neue Triathlon Formate entstehen, andere Distanzen, exotische Orte, Hawaii wird Immer noch das Mekka  sein, alles wird schneller, sexier, kommerzieller…
Aus  dieser Bewegung heraus, wird dann jedoch wieder etwas gegenpolares entstehen,  sowas das uns an die Triathlons der späten 80er erinnert. Dann gehe ich wieder an den Start und schwimme mit Melkfett und Unterhosen über den See, wie damals 1984…

Triathlon TotalTriathlon Total ist erschienen im Sportwelt Verlag
416 Seiten (Hardcover)
28,95 €
ISBN 978-3-941297-32-6

Zur Website von Roy Hinnen.

Fotos: Roy Hinnen

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