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Interview mit Björn Geesmann: „Immer erst an die eigene Aeroposition zu denken, bevor man unnötig viel Geld investiert“

6. Juni 2016 von Christine Waitz

Björn GeesmannBjörn Geesmann ist Geschäftsführer des des STAPS Training Instituts und betreut neben einigen Profisportlern auch Amateur- und Hobbysportler. Der Experte für Ultra-Ausdauerbelastungen ist unter anderem Team-Trainer des Tirol Cycling Teams und selber leidenschaftlicher Radfahrer. Beim Aerotest auf der Radrennbahn Augsburg haben wir ihn zudem als Experte für Aerodynamik kennengelernt. Darüber haben wir uns mit ihm unterhalten.


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Hallo Björn,

du stehst zwischen Luftfeuchtigkeit-Messinstrumenten, Bildschirmen, Sendegeräten und Tablets. Ein durchaus komplexes Zusammenspiel von Technik und Know-How. Wann und wie hat sich dein Interesse für Aerodynamik entwickelt und was muss man für so einen Job mitbringen? 

Das Interesse für den Radsport und Triathlon gibt es schon seitdem ich denken kann. Was sich irgendwann dazu entwickelt hat, war das Interesse daran, die Leistungen im Ausdauersport begründen zu wollen. Heute bin ich ein großer Freund von Zahlen, Fakten, Rechnungen und Analysen, die im Wettkampf, im Trainingsprozess und in der Aerodynamik den Athleten und seine Leistungsfähigkeit durchleuchten.

Technik – speziell die am Rad – finde ich sehr spannend. Vom Leistungsmesser bis hin zur Ermittlung der CdA-Werte für die Aerodynamik. Das sind alles Parameter, mit denen diese Sportarten „berechenbar“ werden. Das klingt unromantisch, lässt sich aber dann sehr ausgefeilt steuern.

Das wichtigste, was man für den Aero-Job auf der Bahn vermutlich braucht sind zwei Dinge: Verständnis für die Physiologie, Biomechanik und Aerodynamik des Radsports und Triathlons und eine gewisse Affinität zur Technik des Rades und der angeknüpften IT-Systeme.

Du beschäftigst dich von Berufswegen mit den kleinen Details, die windschnittig machen. Viele fuchsen sich in ihrer Freizeit hinein, in die Nuancen der Aerodynamik. Lohnt sich der Zeitaufwand? Oder wäre er besser in Training investiert?

Björn GeesmannDer Zeitaufwand lohnt sich auf jeden Fall. Um das für sich ideale Setup ausfindig zu machen, braucht man ja letztendlich nicht viele Stunden: Ein Aerodynamik-Test macht Sinn, um nicht zu viel Zeit in sinnlose Positionsveränderungen und Schraubereien zu investieren. Und für die optimale Position auf dem Rad bedarf es vielleicht vier bis sechs Stunden auf der Radrennbahn plus zwei Stunden Vor- und Nachbereitung. Und das Einsparungspotential in den zehn Stunden ist sicherlich größer, als das „Ausbau“-Potential durch zehn Stunden Training.

Während Athleten nicht zuletzt auf die Versprechen der Hersteller „vertrauen“ müssen, kannst du durch Erfahrung punkten. Wie kann man als Kunde leere Versprechungen von tatsächlichem aerodynamischem Nutzen unterscheiden?

Das ist leider sehr schwer, da sich viele aerodynamische Auswirkungen und Eigenschaften von Material und Co. nicht pauschalisieren lassen. Anzüge wirken bei Sportlern unterschiedlich, ebenso wie Helme abhängig sind, von der Kopfposition und Körperhaltung. Wovon sich jeder Kunde verabschieden sollte, sind plakative Aussagen, dass der Anzug XY der schnellste, oder der Helm YZ der aerodynamischste sei. Bei solchen Pauschalaussagen sollte jeder stutzig werden.

Lukas Bartl, frei

Wobei wir bei der Differenz zwischen Testumgebung und freier Wettkampf-Wildbahn wären. Wie aussagekräftig ist so ein Aerotest im Windkanal gegenüber einem Aerotest auf der Radrennbahn gegenüber 180 Kilometern auf der Straße?

Gehen wir mal vom Idealfall aus: Du beschreibst zwei Test-Szenarien mit dem Windkanal und der Radrennbahn, und dann eine Wettkampf-Situation auf der Straße.
Letztendlich ist der Wettkampf ja das Resultat. Die beiden Test-Szenarien sollen möglichst viele Erkenntnisse liefern für das aerodynamischste Setup. Bei den Test-Szenarien gibt es eigentlich kein entweder-oder. Das beste wären beide Tests. Der Windkanal hat den wichtigsten Vorteil, dass verschiedene Anströmwinkel getestet werden können, was besonders bei Laufrädern von Vorteil ist. Der Test auf der Radrennbahn liefert bestmögliche Erkenntnisse über den Einklang Fahrer-Position-Material/ Bekleidung unter realen Bedingungen.

Die Übertragung auf den Wettkampf ist dabei schon sehr gut machbar. Es lassen sich aber natürlich Windverhältnisse auf Hawaii weder auf der Bahn noch im Windkanal simulieren. Letztendlich darf man es auch nicht zu kompliziert machen: Die Laufradauswahl vor dem Wettkampf fällt für den Sportler eh nicht zwischen sechs verschiedenen Vorderrädern aus. Und die Kombination aus Körperposition und Anzug ist unter Testbedingungen sehr valide zu den Wettkampfbedingungen.

Mittlerweile sind viele Zeitfahrrad-Systeme Aerodynamisch schon sehr gut optimiert. Wo siehst du noch Entwicklungspotential?

Man sieht, dass der Markt da immer spezieller wird. Schaut man sich das neue Speedmax von Canyon an, sind Dinge, wie das integrierte Trinksystem vorne mit dem Vorbau, oder auch das geschlossene Dreieck zwischen Oberrohr und Sattelrohr, sehr sinnvoll.

Lukas Bartl, freiBei aller aerodynamischen Optimierung vergessen die Hersteller aber einen extrem wichtigen Punkt: Die Räder sind mittlerweile größtenteils so „verbaut“, dass Positionsänderungen nicht einfach möglich sind. Da sehe ich einen großen Nachteil zum Beispiel der extrem verbauten Vorbauten, da am Ende des Tages die Position des Sportlers – der aerodynamisch mit Abstand wichtigste Aspekt (ca. 80% Luftwiderstand durch den Sportler) – nicht optimal modifizierbar ist.

Bevor man sich also für 8.000€ ein neues Rad kauft, sollte man sich vorab sicher sein, dass man aerodynamisch optimiert auf dem Rad sitzt und diese Position auf das Neue übertragen kann.

Lukas Bartl, frei

Was ist dein Top-Tipp in Sachen Aerodynamik, den du einem Athleten mit nach Hause geben würdest?

Immer erst an die eigene Position zu denken, bevor man unnötig viel Geld z.B. in Laufräder investiert. 80% Luftwiderstand gehen vom Sportler selbst aus, da wäre es im ersten Schritt deutlich sinnvoller 500 € zu investieren um 80% Widerstand zu optimieren, als 2.000 € für einen Satz Laufräder und 5-8% Widerstand zu investieren.

Vielen Dank für das Interview!

Zur Website von STAPS.

Fotos: triathlon.de

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