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Expertenserie: Interview mit Rennarzt Dr. Klaus Pöttgen – „Die meisten Athleten sterben im Wasser“

4. Juli 2012 von Nora Reim

Foto: Ingo Kutsche freiEr ist der Arzt, dem die Triathleten vertrauen: Dr. Klaus Pöttgen leitet seit 2002 die medizinische Abteilung von Ironman Deutschland. Vor dem Start des Ironman Frankfurt am Sonntag, 08. Juli 2012, hat triathlon.de mit dem Rennarzt über die Risiken und Nebenwirkungen einer Langdistanz gesprochen.


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Dr. Klaus Pöttgen, Sie haben den Ironman Frankfurt im Jahr 2002 mitbegründet. Wie viele medizinische Zwischenfälle gab es in der zehnjährigen Geschichte des Stadttriathlons?

Bei einem Team von 380 Rettungskräften, 50 Ärzten und bis zu 100 Masseuren kommt es jährlich zu circa 700 bis 800 Hilfeleistungen. Wir halten im Zielbereich 80 Liegen bereit und hatten in heißen Hochzeiten schon 100 Athleten gleichzeitig in Betreuung. Da mussten auch mal einige außerhalb der Zelte liegen. Früher hatten wir viele Salzverlust-Syndrome (Hyponatriämie), einer gefährlichen Elektrolytentgleisung, bei der zuviel Wasser ohne Elektrolyte getrunken wird. Seitdem vermehrt Salze in Gels vorkommen und Athleten sensibilisiert sind, ist dies kaum noch der Fall. Selbst schwere Zwischenfälle wie ein Herzinfarkt auf dem Rad und eine Hyponatriämie mit viertägigem Koma oder Herzrhythmus-Störungen im Ziel kamen schon vor. Beim Schwimmstart schlucken manche Athleten so viel Wasser, dass sie aufgegeben und danach im schlimmsten Fall eine Lungenentzündung entwickelt haben. Doch das sind eher Besonderheiten in zehn Jahren Ironman in Frankfurt.

Welche gesundheitlichen Komplikationen treten am häufigsten bei Langdistanzrennen auf?

Am häufigsten treten typische Erschöpfungssymptome wie Schwindel, Erbrechen und Wasserverlust (Dehydrierung) auf. Dies geht bis zum massiven Frieren mit Gänsehaut auf Grund von Wasserverlust.

Beim Ironman Frankfurt 2012 veranstalten Sie ein sportmedizinisches Seminar. Dort halten Sie unter anderem einen Vortrag zum Thema „Wassertemperaturen – Grenzen, Probleme und Zwischenfälle für den Athleten“. Was macht das Langstreckenschwimmen im offenen Gewässer so gefährlich?

In letzter Zeit häufen sich Unterkühlungen mit Kerntemperaturen von 33 Grad Celsius und niedriger. Dies geschieht selbst bei Wassertemperaturen von 26 Grad, wenn ohne Neoprenanzug geschwommen wird. Der Grund liegt einerseits am geringen Fettanteil – in einem Rennen unterkühlten sich kleine, schlanke Japaner – , andererseits trifft es Athleten, die länger als 1:45 Stunden schwimmen. Diese haben das Problem, dass sie immer langsamer werden und zum Ende sogar Brust schwimmen. Dann produzieren sie keine Wärme mehr und kommen wie bei einem epileptischen Anfall frierend und unkontrolliert aus dem Wasser. Außerdem kann kaltes Wasser abnormale Herzrhythmus-Störungen begünstigen, Positionskämpfe im Wasser führen zu erhöhtem Adrenalinausstoß und damit Stress. Beim Schwimmen gibt es keine Möglichkeit, sich auszuruhen wie beim Laufen oder Radfahren!

Ironman Frankfurt 2010

Schwimmstart beim Ironman Frankfurt 2010

Für die Helfer ist es oft schwierig, den Athleten zu erreichen und damit die Rettungskette in die Wege zu leiten. Hinzu kommt falscher Ehrgeiz und mangelnde Erfahrung beim Erstevent. Zudem ist zu bedenken, dass Staffelschwimmer oft keine Triathlon-Erfahrung und nur im Becken trainiert haben. Auch falsche Motivation spielt eine Rolle, da ein Ausfall der ersten Disziplin automatisch einen Nichtstart des wartenden Radfahrers und Läufers bedeutet.

Hand aufs Herz: Kam es schon zu Todesfällen auf der Langstrecke?

In Bezug auf den plötzlichen Herztod ist Triathlon die gefährlichste Ausdauersportart: Die meisten Athleten sterben im Wasser. Insgesamt ist das Risiko im Verhältnis 2:100.000 gegenüber dem Marathon mit 0,8:100.000 deutlich erhöht. Beim Ironman 70.3 in Wiesbaden 2010 kam es auf den ersten 400 Metern zum Tod eines Staffelschwimmers, nachdem die Hilfe eines mitschwimmenden Helfers auf dem Surfbrett drei Mal abgelehnt wurde. Das Durchschnittsalter der zehn in Deutschland recherchierten verunglückten Athleten – darunter sind acht Männer und zwei Frauen im Zeitaum von 2001 bis 2010 – lag bei 48 Jahren auf zwei Ironmandistanzen, einer Mitteldistanz, einer Sprintdistanz sowie sechs Olympischen Distanzen. Bis auf einen Radsturz fanden alle Unfälle in der Teildisziplin Schwimmen statt, davon vier als Staffelschwimmer.

In welcher körperlichen Verfassung sollte ein Athlet Ihrer Erfahrung nach sein, um der gesundheitlichen Belastung einer Langdistanz standhalten zu können? Wie lässt sich das beim Veranstalter nachweisen?

Ein Ironman-Starter sollte auf mehreren Sprint- , fünf bis zehn Olympischen Distanzen und mindestens einer Mitteldistanz Erfahrung gesammelt haben. In der Regel sollte man sich frühestens im vierten bis fünften Triathlon-Trainingsjahr für ein solches Rennen entscheiden. Wir lassen den Athleten unterschreiben, dass er körperlich gesund ist, was eine ärztliche Untersuchung voraussetzt. Die Kontrolle von einzelnen Attesten geht organisatorisch zu weit. Wir werden dieses Jahr übrigens 14 Diabetiker am Start haben – ein neuer Rekord!

Abschließende Frage: Für den Ironman Frankfurt am Sonntag, 08. Juli 2012, werden Temperaturen von 25 Grad Celsius vorhergesagt. Wie sind Sie als medizinischer Leiter auf ein mögliches Hitzerennen vorbereitet, und wie erreichen Sie die Teilnehmer im Notfall?

Bei Hitze verliert man problemlos einen bis 1,5 Liter Wasser pro Stunde und ein bis drei Gramm Salz pro Liter Schweiß. Vier Verpflegungsstellen auf dem Zwei-Runden-Radkurs und sieben auf dem Vier-Runden-Laufkurs bieten genügend Flüssigkeit an. Zudem haben wir acht Tonnen Eis auf der Strecke und im Ziel. Im Zielbereich steht ein eigenes Labor zur Verfügung, um sofort auf Elektrolytverschiebungen reagieren zu können. Dazu kommt ein so genanntes Klinomobil vom Deutschen Roten Kreuz, ein Art Mini-Krankenhaus auf Rädern. Für medizinische und polizeiliche Notfälle während des Wettkampfs ist eine Notfallrufnummer geschaltet, die direkt in der Einsatzzentrale am Frankfurter Römerberg einläuft. Die Notfallnummer lautet 069 71919192 .

Vielen Dank für das Gespräch. triathlon.de wünscht eine unfallfreie Veranstaltung.

Mehr Informationen zu Dr. Klaus Pöttgen findet ihr hier.

Zur Website des Veranstalters

Fotos: Ingo Kutsche, triathlon.de

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