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Michael Raelert: Es ist nicht immer alles so asketisch wie man denkt

7. September 2013 von Mario Lisker

Foto: Mario Lisker,   freiStramme Wadeln stiefeln von Blicken wissender Besucher bewundert durch die Menschenmassen des Erdinger Festzeltes. Sie überholen einen an Krücken gehenden, am Bein geschienten und dennoch immer lächelnden Menschen. Er macht keinen Platz. Im Gegenteil – er reiht sich ein. Mitten im Who-Is-Who von Spitzentriathleten: der verletzte Michael Raelert. Während Bruder Andreas seine Form für Kona im Trainingslager Boulder zuspitzt, verriet uns Michael mehr über Pläne und Favoriten.


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Michael, dich so mit Krücken zu sehen, schmerzt in der Seele eines Triathleten. Wie geht es dir?

Es geht mir gut. Aber es ist natürlich schade, dass so etwas immer mitten in der Saison passiert bzw. zur wichtigsten und ungünstigsten Zeit. Aber im Moment freue ich mich, dass ich es in den Griff bekomme und genese, um in der kommenden Saison wieder am Start stehen zu können. Das ist ein Gefühl von Erleichterung.

Inwieweit ist absehbar wann du wieder ins Training einsteigen kannst?

Foto: Mario Lisker, freiIch schätze noch so drei, vier Wochen für die Rehabilitationsmaßnahmen. Dann kann man hoffentlich wieder mit dem Laufen anfangen und Ende des Jahres vielleicht noch einen Wettkampf machen. In Hawaii werde ich dennoch vor Ort sein, bei Andreas. Ich werde ihn unterstützen so weit es geht. Natürlich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich freue mich auf jeden Fall für Andi. Traurig ist, dass Andi mitfühlt, sieht das sein kleiner Bruder verletzt ist und von einem ins nächste Fettnäpfchen tritt. Aber so etwas wird im nächsten Jahr nicht noch einmal passieren. Wichtig ist jetzt, dass die Verletzung richtig auskuriert wird und Andi in Hawaii ein gutes Rennen macht.

Was wird das für ein Wettkampf am Ende des Jahres sein? Eine Mitteldistanz?

Ja, 70.3 oder Challenge. Es gibt noch einen interessanten Wettkampf in Phuket am Ende des Jahres. Da habe ich schonmal mitgemacht und hat Spaß gemacht. Es wäre ein tolles Rennen zum Formaufbau bzw. Formeinblick, je nachdem wie weit man kommt. Aber im Moment steht die Rehabilitation im Vordergrund.

Ihr seid ja bekannt dafür, gemeinsam zu trainieren und euch zu pushen. Wie kannst du Andreas gerade jetzt in der heißen Phase für Kona unterstützen?

Andi und ich telefonieren momentan täglich. Er ist gerade in Boulder und sagt mir immer, was er gerade trainiert hat und ich, was ich gemacht habe. Das ist bei mir zwar nicht viel, aber er hält mich immer auf dem Laufenden. Das heißt so richtig unterstützen kann ich ihn da im Moment nicht, nur sagen, dass es mir soweit gut geht. Das ist wichtig für ihn und er freut sich. Wichtig ist dann Hawaii, dass ich vor Ort bin und er ein bekanntes Gesicht hat.

Wie schätzt du seine Chancen für Kona ein?

Kona an sich weiß ich nicht. Es ist ja schon noch eine relativ lange, sehr trainingsintensive Zeit. Eigentlich wollte Andi am Wochenende in Vegas starten, aber das Punktereglement erlaubt das nicht. Wenn er dort starten will, dann mit Sicherheit nicht um nur Erfahrung zu sammeln, sondern weil er sich in einer wirklich guten Form sieht. Die Trainingsergebnisse zeigen das auch. Er wird jetzt am Wochenende in Muskoka/Kanada starten. Das wird noch mal so der letzte Test sein. Die Trainingsergebnisse an sich sind schon sehr gut aber bis Kona sind es ja noch fünf Wochen. Da kann noch viel passieren – man kann viel gewinnen aber auch viel kaputt machen.

Wir hoffen, dass alles passen wird. Viermal Podium in Folge, das muss erstmal jemand nachmachen! Es muss doch endlich mal klappen. Wenn siehst du als größten Konkurrenten auf Big Island?

Foto: Ingo Kutsche, freiDas ist schwer zu sagen. Letztendlich fahren alle hin um zu gewinnen. Aber für mich persönlich ist es zum Beispiel Eneko Llanos. Pete Jacobs auch, aber mit einem kleinen Fragezeichen. Crowie ist ganz interessant: Was ich bis jetzt gesehen und gehört habe, macht er es ganz clever und so wie es sein sollte. Er zeigt nicht alles was er hat. Und natürlich Andi! Letzten Endes können viele gewinnen aber ich denke letzten Endes läuft es wieder auf diese fünf hinaus.

Sebi?

Sebi auch. Er hatte in diesem Jahr eine sehr erfolgreiche Saison. Aber er ist momentan noch nicht so, wie wir es von ihm kennen. Er hatte auch Verletzungsprobleme und konnte nicht so durchstarten. Ich gehe davon aus, dass er ein sehr gutes Rennen macht und wünsche es ihm. Aber in diesem Jahr wird es schwer für ihn. Im letzten Jahr war er der Underdog. In diesem sind mehr Augen auf ihn.

2014 – gemeinsam in Kona am Start…

Nach wie vor! Sofern man gesund bleibt und auf seinen Körper hört und keine dummen Fehler macht. Wir haben nach wie vor diesen Traum.

Dein Ironman war härter als erwartet. Wie sieht bei dir die Regeneration nach einem solchen Rennen aus?

Foto: Ingo Kutsche, freiMan nimmt sich tatsächlich eine Woche Auszeit und fängt in der zweiten Woche mit regenerativen Maßnahmen an. Locker laufen und Rad fahren. Ich hatte durch das Pech in diesem Jahr ein paar Sorgen mehr. Es hat an sich nicht länger gedauert, aber das Ergebnis hat schon recht tief gesessen. Und gerade das Problem mit der Patella, das ist ja nicht erst seit Frankfurt, da ist es nur extrem herausgekommen. Aber im Normalfall ist das schon eine Woche lang die Beine hoch legen, dann langsam reinkommen und in der dritten Woche wird es wieder ernsthafter. Noch nicht das Pensum erhöhen, aber man fängt wieder an, sich ernsthaft mit Sport auseinanderzusetzen und die ein oder andere richtige Trainingseinheit mit einzustreuen. Je länger man allerdings braucht, desto schwieriger wird es wieder ins Training einzusteigen.

Ihr seid ja absolut diszipliniert, auch was Ernährung angeht. Hand auf´s Herz: Ein Kuchenbuffet oder eine Eis-Bar – kommt ihr ohne Sünde dran vorbei?

Nein! So etwas gehört absolut dazu. Man kommt nicht vorbei. Gerade nach der Saison. Aber auch während der Saison gibt es immer wieder solche Phasen. In den ruhigen Wochen der Regeneration gehört so etwas einfach mit dazu. Wir achten zwar schon generell auf die Ernährung, aber die Weihnachtszeit – das wird schon schön werden und ohne irgendwelche Gewissensbisse. Die Schokolade zwischendurch ist immer wieder, gerade bei Andi, der Fall. Das brauchen der Körper und der Geist. Es ist nicht immer alles so asketisch wie man denkt.

Danke Michael, für das Gespräch. Wir wünschen Dir gute Genesung und einen baldigen Trainingseinstieg. Für Andreas hoffen wir das Beste auf Hawaii.

Zur Website der Raelert Brothers.

Fotos: Ingo Kutsche, triathlon.de

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