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Ironman Frankfurt: Interview mit Heidi Sessner – „Regelmäßige Verpflegung ist wichtig, auch bei Hitze“

4. Juli 2015 von Christine Waitz

Andrea Heinsohn,   einmaligWer schon einmal eine Langdistanz bestritten hat, der kennt die Schwierigkeit: Ernährung während des Rennens wird oft zum Schlüsselfaktor über Erfolg oder Misserfolg. Heidi Sessner hat es viele Jahre lang selbst erlebt. Als ehemalige Profiathletin weiß sie genau, wie wichtig Verpflegung am Tag X ist. Mittlerweile hilft sie als Ernährungsberaterin Sportlern. Den Ironman Frankfurt wird sie deshalb genau verfolgen.


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Bis zu 10.000 Kilokalorien verbraucht ein Athlet an einem Langdistanz-Tag. Wie viel genau, das hängt von zahlreichen Faktoren ab. Von Körpergröße, Gewicht, Trainingszustand, von Wettkampfdauer, Wasser- und Außentemperatur, zum Beispiel. Keine Frage also, unterwegs muss der Athleten-Tank ständig aufgefüllt werden, wenn man seine Leistung über neun und mehr Stunden aufrecht erhalten möchte. Doch auch das ist gar nicht so einfach. Rund 50 und 60 Gramm Kohlenhydrate kann der Körper pro Stunde unterwegs verwerten. Zu viel kann zu Magenproblemen führen, zu wenig zu Leistungsabfall.

Foto: Christine Waitz, freiEin Patentrezept für die perfekte Verpflegung gibt es auch nicht. Flüssig, gelförmig oder fest, komplexe Zucker, oder Einfachzucker – jeder Athlet reagiert etwas anders. Hier kommt Heidi Sessner ins Spiel. Die 37-jährige Ironmansiegerin hat im letzten Jahr ihre Profikarriere beendet. Dem Sport ist sie dennoch treu geblieben. Nach einer Ausbildung zur Ernährungsberaterin steht sie Nicht-Sportlern und Sportlern bei Ernährungsfragen zur Seite.

Den Ironman Frankfurt wird sie gerade deshalb auch besonders gespannt verfolgen. Schließlich macht „ihr“ Athlet Frank Christoph  sein erstes Langdistanzrennen. Wird die ausgearbeitete Strategie klappen? Wir haben uns mit ihr unterhalten.

Hallo Heidi! Zum ersten Mal seit vielen Jahren bereitest du dich nicht selbst auf ein Langdistanzrennen vor, sondern hilfst anderen auf dem Weg dorthin. Wie fühlt sich der Seitenwechsel an?

Der Seitenwechsel fühlt sich gut an. Ich habe über 20 Jahre Triathlon-Wettkämpfe auf der ganzen Welt absolviert, habe viel gesehen und sehr viel erlebt, daher freue ich mich jetzt sehr meine Erfahrungen und mein Wissen an Sportler weitergeben zu können.Durch meine Tätigkeit als Ernährungs- und Triathloncoach kann ich, obwohl ich selbst keine Rennen mehr bestreite, ganz nah beim (Wettkampf)Sport bleiben, was mich sehr freut. Das passt alles prima für mich. Es macht mir sehr viel Spaß Athleten zu betreuen, und sie auf ihrem Weg zu begleiten.
Dabei fiebere ich sehr mit ihnen mit, da ich ja aus eigener Erfahrung weiß, wie spannend so ein Ironman ist und was für eine lange Vorbereitung dahinter steckt.

Verpflegung_IronmanAls Ernährungsberaterin bist du seit Jahresbeginn in Schulen unterwegs, betreust Nicht-Sportler und Sportler. Warum hast du dich nach deiner Profi-Karriere dazu entschlossen in diesem Bereich zu arbeiten?

Die Ernährung war schon immer ein Bereich, der mich sehr stark interessiert hat. Schon immer habe ich viel darüber gelesen und auch die unterschiedlichsten Dinge ausprobiert. Zudem finde ich es seit Jahren schon erstaunlich, wie viele Gedanken sich Athleten über ihr Material und ihr Training machen und dann bei jedem Rennen Magenschmerzen bekommen und dies einfach so hinnehmen. Ich finde, das muss nichts sein. Aus diesem Grund habe ich als Profi schon viel herumexperimentiert und stehe nun Sportlern mit Rat und Tat zur Seite, damit sie am Tag X ihr volles Potenzial ausschöpfen können und nicht von Magenproblemen ausgebremst werden.

Bevor ich in den Profisport gewechselt bin, habe ich eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht. Dabei habe ich gesehen dass Kindern gerade in jungen Jahren viel vermittelt und gelernt wird, was sie dann oft ein Leben lang so beibehalten. Als Gesundheitsförderin in Grundschulen bei Klasse2000 kann ich einen kleinen Betrag leisten, dass dies in die richtige Richtung geht. Neben Ernährung und Bewegung geht es bei diesen Stunden auch darum, dass Kinder lernen, was ihnen gut tut und dass sie auch Nein sagen dürfen.

Ich bin glücklich meine Begeisterung für einen gesunden und aktiven Lebensstil nun an Kinder, sowie an Menschen die Abnehmen wollen, und auch an Sportler weitergeben zu können. Es ist sehr spannend Menschen zu helfen, ihren eigenen individuellen Weg zu finden, ihnen verschiedene Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie fitter, gesünder und leistungsfähiger werden können und dabei noch an Gewicht verlieren können.

Als Profisportlerin hatte ich die Möglichkeit mit anderen Profis zusammen zu trainieren, in gemeinsamen Trainingslagern mit ihnen wie in einer kleine Familie zusammenzuleben, zu trainieren und eben zu kochen. Dabei habe ich auch gesehen, dass es nicht nur einen Weg gibt, der richtig ist. Dazu sind wir auch alle viel zu unterschiedlich. Informationen über Ernährung gibt es mehr als genug, die Umsetzung ist für viele aber problematisch. Das alles ist sehr spannend und hat mich bewogen in diesem Bereich arbeiten zu wollen.

Der Ironman Frankfurt steht vor der Tür. Welchen Tipp gibst du Sportlern für die Verpflegung in den letzten Tagen vor dem Rennen mit auf den Weg?

Gerade in den letzten Tagen vor wichtigen Rennen kursieren oft die wildesten Taktiken. Da hört man vom Trainingskollegen, dass man unbedingt folgendes Produkt oder dieses Gericht noch zu sich nehmen soll, damit die Glykogenspeicher besonders voll sind… Eine befreundete Profitriathletin erzählte mir einmal, dass sie ein Ritual hätte: sie würde immer am Abend vor jeder Langdistanz eine riesige Schüssel Milchreis essen. Leider hatte sie im Ironman immer Magenprobleme…  und dass obwohl sie die Riegel und Gels im Training zuvor ausgiebig getestet hatte und sich sicher war, dass sie diese verträgt.

Der Milchreis war der Übeltäter! Sie wusste nicht, dass sie darauf so empfindlich reagiert und hat lange nach der Ursache gesucht.

Aus diesem Grund rate ich meinen Athleten sich zwar ganzjährig ausgewogen zu ernähren mit viel Obst und Gemüse, Vollkornprodukten,… jedoch die letzten zwei Tage vor dem Ironman bewusst auf zu viele Ballaststoffe und schwerverdauliche Lebensmittel zu verzichten. Was manchmal zwei Tage vor dem wichtigsten Rennen des Jahres gegessen wird, ist schon riskant. Pilze, Kohl, sehr fettige Lebensmittel,… sind einfach schwer verdaulich und können einem unter Umständen das Leben im Rennen noch schwerer machen.

Andrea Heinsohn, einmalig

Mit Frank Christoph  steht einer „deiner“ Sportler hinter der Startlinie. Er gibt zudem sein Debüt auf der Langdistanz. Wie sah euere Zusammenarbeit im Vorfeld aus. Wie lernt man als „Rookie“ die Verpflegung für das Rennen einzuschätzen und einzuteilen?

Frank ist ein toller Sportler und hatte schon vor unserer Zusammenarbeit ein großes Vorwissen. Den ersten Schwerpunkt haben wir auf die Ernährung im und nach dem Training gelegt, da meiner Meinung nach die Regeneration gerade für Athleten, die auch beruflich stark eingebunden sind, extrem wichtig ist. Es gibt immer ein paar Schrauben, an denen man da drehen kann ;-)

Im zweiten Schritt ging es dann um das Rennen. Hier galt es herauszufinden was Frank verträgt, was ihm auch schmeckt und wie viel er davon bei Belastung zu sich nehmen kann. Wie alle anderen Muskeln ist auch der Magen-Darm-Trakt trainierbar. Darum finde ich es sehr wichtig, dies im Training und bei Testrennen auszuprobieren und die eigene Taktik bzw. die eigene Verpflegung immer weiter zu optimieren.

Ganz wichtig finde ich auch, dass es einen Plan B gibt.

Auch wenn man seine Eigenverpflegung verliert, muss es eine Option geben, die Ziellinie mit einem Lächeln zu überqueren. Dazu ist es wichtig zu wissen, wie viele Kohlenhydrate man pro Stunde auf dem Rad bzw. beim Laufen aufnehmen kann ohne dass es zu Problemen kommt und: Wie viele Kohlenhydrate in einem Gel bzw. einem Riegel oder einer Flasche Isogetränk, das vom Veranstalter gereicht wird, stecken. Ohne dieses Wissen wird der Ironman bzw. die Verpflegung zum Schätzeisen.

Du kannst nicht nur aus der Theorie schöpfen, sondern mit jahrzehntelanger Erfahrung in Sachen Sportler-Ernährung glänzen. Welche Fehler macht man im Eifer des Gefechts am häufigsten und wie kann man sie vermeiden?

Am Sonntag soll es ja außergewöhnlich heiß werden bzw. bleiben in Frankfurt. Dass ausreichend trinken und kühlen das A und O sind, wissen sicherlich alle.

Wenn es so heiß ist, dann hat man aber oft keinen Hunger, erst recht nicht bei einem Wettkampf. Bei Hitze werden Kohlenhydrate auch schlechter vom Körper resorbiert als wenn die Temperaturen etwas milder sind. Trotzdem ist es wichtig, sich an seinen Ernährungsplan zu halten, denn wenn keine Energie nachgeladen wird, dann ist der Ofen irgendwann aus. Zudem ist so ein Ironman auch extrem spannend. Man erlebt viel, ist wie beflügelt, wenn man durch Stimmungsnester fährt und vergisst sehr schnell seinen eigenen Verzehrplan einzuhalten.

Das habe ich selbst am eigenen Leib in meiner Profizeit erlebt.

Ich war beim Ironman in Zürich am Start. Das Schwimmen lief dort für meine Verhältnisse sensationell gut und ich konnte bereits als zweite Frau aufs Rad steigen. Umgeben von Kameramotorädern und Presse habe ich meinen genau ausgetüftelten Ernährungsplan komplett vergessen und viel zu wenig Kalorien zu mir genommen. Das Ende vom Lied war ein fürchterlicher Hungerast von dem ich mich leider nicht wieder erholen konnte und völlig entkräftet das Rennen aufgeben musste…. keine schöne Erfahrung, aber eine die mir nachdrücklich gezeigt hat, wie wichtig die regelmäßige Verpflegung im Rennen ist.

Auch bei Hitze!

Zum Ironman Frankfurt Spezial.

Zur Website von Heidi Sessner.

Bilder: triathlon.de, Andrea Heinsohn

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