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Interview mit Rolf Aldag – „Ich war mit meiner Familie nicht mehr als zwei Tage am Stück vereint“

22. September 2012 von Nora Reim

Foto: Ralph Schick freiDie Familie ist alles für ihn. Von der Telekom-Familie wechselte der ehemalige Rad-Profi Rolf Aldag vor einem Jahr zur deutschen Ironman-Familie der World Triathlon Corporation (WTC). Nun hört der 44-jährige Vater von zwei Töchtern auf – „um sein Familienleben nicht weiter durch Dauerabwesenheit zu belasten“.


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Herr Aldag, Ihr Ausscheiden von der WTC haben Sie offiziell damit begründet, Ihr „Familienleben nicht weiter durch Dauerabwesenheit zu belasten“. Welche Rolle spielt Familie in Ihrem Leben?

Die Familie ist für mich der große Rückhalt im Leben. Menschen, auf die ich mich zu 100 Prozent verlassen kann, die ich liebe und mit denen ich gerne Zeit verbringe. Sie unterstützen mich bei dem, was ich tue. Außerdem lege ich großen Wert auf die Meinung meiner Frau und diskutiere jede wichtige Entscheidung mit ihr. Bei dem Begriff Familie denke ich aber auch an meine Eltern und Schwestern, die ebenfalls überwiegend in Westfalen wohnen und die ich im vergangenen Jahr viel weniger gesehen habe, als ich selber akzeptieren möchte.

Knapp 300 Kilometer zwischen Ihrem Wohnort im Sauerland und der neuen Europa-Zentrale der WTC im hessischen Hanau sind Ihnen auf Dauer zu viel, haben Sie gegenüber der Presse erklärt. Wie oft sind Sie im vergangenen Jahr gependelt und was war der längste Zeitraum, den Sie mit Ihrer Frau und den beiden Töchtern am Stück verbracht haben?

Am Montag morgen gegen 6 Uhr bin ich aufgebrochen, um pünktlich im Büro in Hanau zu sein. Am Freitag gegen Mitternacht war ich dann wieder zu Hause. Die Event-Wochenenden ausgenommen – da ging es höchstens mal an einem Dienstag nach Hause, um die Wäsche zu wechseln. Wenn ich mich richtig erinnere, waren wir als Familie nicht mehr als zwei Tage am Stück vereint, wobei es selbst an den freien Wochenenden immer mal wieder was zu tun gibt. Ich habe ja auch noch Tony Martin und sein Team in technischen Belangen beraten – seine Rennen finden auch meistens am Wochenende statt.

Foto: Ralph Schick frei

Rolf Aldag im Gespräch mit triathlon.de-Redakteurin Nora Reim

Ich will mich nicht beklagen oder herumjammern. Ich hatte mich schließlich aktiv für den Job bei Ironman entschieden, und auch andere Arbeitnehmer sind viel unterwegs und sehen ihre Familien wenig. Jede Familie hat da ihre eigene Toleranzgrenze für sich selber festzulegen. Seit unsere Tochter Maddie jedoch eingeschult ist, ist die letzte Flexibilität verloren gegangen und unsere Grenze ist erreicht. Ich habe eine ziemlich genaue Vorstellung, wie ich einen Job machen will. Bei der Durchsicht des Kalenders habe ich jedoch festgestellt, dass es zukünftig Zeiträume von zwölf Wochen gibt, an denen ich gar nicht zu Hause sein würde, wenn ich meine Arbeit  entsprechend meinen eigenen Prinzipien und Anforderungen erledigen will. Da hört es einfach auf!

Zum Oktober räumen Sie Ihren Schreibtisch in Hanau, Kai Walter übernimmt dagegen weitere Aufgaben innerhalb des WTC-Unternehmens. Wie würden Sie Ihr zum bisherigen Managing Director International Operations Europe beschreiben?

Ich habe in dem Jahr viel von Kai gelernt. Es ist wirklich beeindruckend, was Kai von seinem Geschäft versteht. Egal, ob es bei Gefahr um die Entfluchtung einer großen Menschenmenge aus dem Zielbereich geht oder um das Verständnis, welche Event-Qualität unsere Athleten von uns erwarten. Er trifft den Punkt und ist stark in der Umsetzung. Er ist selbst ein Ironman Athlet – deshalb denkt er so und arbeitet genauso hart und diszipliniert. Kai ist rund um die Uhr für Ironman da. Er hat mich von Anfang an offen aufgenommen und mich als Partner gesehen. Überhaupt ist das Team in Hanau hoch motiviert! Es hat Spaß gemacht, mit den Leuten zu arbeiten.

Hand aufs Herz: Bevor Sie vor einem Jahr zur WTC kamen, haben Sie sich mit dem Ironman Lanzarote 2006 für die Weltmeisterschaft auf Hawaii qualifiziert, sind aber damals aus beruflichen Gründen nicht angetreten. Reizt es Sie, irgendwann als Athlet am Start in Kona zu stehen?

Ja, mit Sicherheit! Das Arbeitsjahr bei Ironman hat mich der Marke und dem Sport näher gebracht. Ich habe viele tolle Athleten kennengelernt und viele auch im Ziel begrüßen dürfen. Kona ist mehr als ein Traum, es ist ein Ziel! Dennoch muss ich eingestehen, dass meine Fitness im Moment sicher nicht reicht, um mich zu qualifizieren. Das wird schon noch sehr viel Training erfordern.

Abschließende Frage: Ihr Schützling Tony Martin ist am vergangenen Mittwoch Zeitfahrweltmeister im niederländischen Valkenburg geworden. Wie geht Ihre Zusammenarbeit weiter?

Ich war bei seinem Triumph dabei und freue mich für ihn! Es war sehr knapp und sehr spannend, wobei mir etwas mehr als fünf Sekunden Vorsprung lieb gewesen wären. Der Stresslevel war unglaublich, da durfte nichts schief gehen… Tony begleite ich, seit er zu den Berufsfahrern gewechselt ist. Ich würde mich freuen, wenn wir auch weiter etwas zusammen erreichen können. Er hat viel Potenzial als Sportler und er ist ein besonderer Mensch. Tony arbeitet sehr hart, ist bescheiden und zeigt immer viel Respekt für die Mitarbeiter seines Teams. Da macht es Spaß, zusammenzuarbeiten! Allerdings steht noch nicht fest, was ich beruflich weiter machen werde. Sicherlich wird es eine Aufgabe im Radsport geben – aber wo und in welchem Umfang, ist noch zu besprechen.

Vielen Dank für das Gespräch. triathlon.de wünscht alles Gute!

Fotos: triathlon.de

Zur Pressemitteilung der WTC

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