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Interview mit Laura Lindemann: Ich habe es drauf in die Top 8 der Welt zu kommen

15. Juli 2016 von Christian Bottek

Thomas Sobczak,   frei Die kürzliche Bekanntgabe der deutschen Starter bei Olympia sorgt in Triathlon-Deutschland für Aufsehen. Der DOSB hatte am 12.07.2016 entschieden, dass lediglich Anne Haug die deutschen Triathleten in Rio vertreten wird. Die 20-Jährige Laura Lindemann kann, wie viele andere Triathleten in Deutschland, die Entscheidung des DOSB nicht akzeptieren und hat sich dazu entschieden das Feld nicht kampflos zu räumen. Laura hat heute einen offenen Brief an die Bundeskanzlerin Angela Merkel veröffentlicht. Wir haben uns mit Laura über die Olympianominierung und ihren offenen Brief unterhalten.


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Hallo Laura, als eine von fünf Athleten wurdest du dem DOSB durch die DTU für einen Olympiastartplatz vorgeschlagen. Insgesamt gibt es auch fünf Startplätze für die deutschen Triathleten in Rio. Hast du dir nach der Entscheidung der DTU überhaupt noch Gedanken um eine Nicht-Teilnahme gemacht?

Ja, zunächst auf jeden Fall! Für mich war nach Yokohama klar, dass ich die direkte Quali nicht geschafft habe und nun muss die DTU und der DOSB entscheiden. Natürlich hat mein Umfeld immer gesagt: „das Ding ist durch…“.  Als mich dann das Präsidium der DTU angerufen hat und gesagt hat, dass es mich vorschlagen will, war ich natürlich wieder etwas sicherer.
Ich wusste aber auch, es ist wie im Sport – erst im Ziel steht das Ergebnis fest.

Für dich persönlich lief die Erfüllung der Olympianorm besonders bitter. Einmal konntest du nicht starten, beim zweiten Anlauf gab es einen Sturz und beim dritten Versuch hast du den Qualifikationsplatz um ein paar Sekunden verpasst. Hättest du bei einem weiteren Rennen die Qualifikation gepackt?

Die Frage kann und will ich nicht beantworten, vielleicht nur soviel: ich habe es drauf in die Top 8 der Welt zu kommen. Aber ich bin auch klar der Meinung, dass man seine Leistung bringen muss, wenn man was erreichen will. Bringt man sie nicht, ist man eben auf den guten Willen von anderen angewiesen.
Ich habe ja die Fehler der beiden Rennen analysiert: in Abu Dhabi bin ich zu defensiv vor der Wechselzone im Feld gefahren, wäre ich da gewesen wo Anja Knapp war, wäre nichts passiert. Ich hätte auch nie gedacht, dass so kurz vor der Wechselzone ein Sturz passiert. In Yokohama genauso. Ich war zu defensiv beim zweiten Wechsel. Ich bin als letzte aus der Wechselzone gelaufen, dort habe ich die entscheidenden  17 Sekunden verloren!
Für mich sind die Rennen in der Rückschau ein Lernprozess, es gilt halt immer einen Fehler nicht zweimal zu machen. Das ist aber leichter gesagt, als getan.

ITU Media/ Delly Carr

17 Sekunden, würdest du dir bei derart knappen Entscheidungen wünschen, dass die Qualifikationsnormen des DOSB nachträglich noch etwas angepasst werden? 

Also nach allem was ich weiß, legen die Normen der jeweilige nationale Verband und der DOSB gemeinsam fest. Es gibt auch Regelungen die greifen, wenn niemand oder nur einige diese Normen nicht erfüllen.
Da gibt es dann eben die Vorschläge zur Nominierung des Verbandes an den DOSB. Der Vorschlag muss dann natürlich begründet werden und das wurde er ja auch. Aus meiner Sicht auch vernünftig.
Im Olympischen Triathlon gibt es Teamtaktik – nicht oft, aber es gibt sie – und das macht es ja auch interessant. Lucy Hall zum Beispiel, was sie auf dem Rad für ihre Mannschaftskolleginnen schon geleistet hat ist der Wahnsinn! Und darüber hinaus hätte ich auch im Olympischen Rennen eine Chance auf eine Top Ten Platzierung gehabt. Das Rennen in Rio wird nicht so gut besetzt sein wie manches WTS Rennen, weil eben jede Nation nur maximal drei Starterinnen hat.

In deinem Brief sprichst du auch an, dass die mögliche Klage gegen den DOSB der Grund für dessen Entscheidung war. Nun bist du selbst Leidtragende von dieser Entscheidung, kannst du trotzdem Verständnis für rechtliche Schritte durch Sportler aufbringen, oder bist du der Meinung man sollten sich mit Verbandsentscheidungen zufrieden geben?

Zweimal ja. Ich kann Verständnis dafür aufbringen, dass Sportlerinnen klagen. Bei uns ist es nun mal möglich, dass man alles rechtlich überprüfen lassen kann. Das hätte hier auch ruhig passieren können und dann wäre eben eine Entscheidung gefallen. Aber der DOSB hat es sich schön einfach gemacht, um keinen Rechtsstreit zu haben, hat er einfach nur die nominiert, die sich qualifiziert haben. Dabei wurde keine Rücksicht auf die Sportart, die Athleten und das ganze Umfeld in diesem Sport genommen. Kein Mensch hat sich Gedanken darüber gemacht, welche Konsequenzen dies für den olympischen Triathlon-Sport in Deutschland hat.
Und eine Klage einreichen ist eben auch ein Weg, um für ein Ziel zu kämpfen, bloß kein sehr sportlicher!
Und Ja! – auch wenn es schwer ist und ich von der DTU vorgeschlagen wurde, die Athleten sollten sich mit den Entscheidungen des Verbandes bzw. der Bundestrainer zufrieden geben, vor allem wenn sie die Norm nicht erreicht haben!

Wie wirkt sich deiner Meinung nach die Entscheidung des DOSB auf die Zukunft des Triathlon-Sports in Deutschland aus? 

Ach, ich glaube oder vielleicht hoffe ich, dass alle aus dieser Sache lernen.
Viel hängt vielleicht auch davon ab, wie wir – die nicht Nominierten – damit umgehen. Ich für meinen Teil habe mit Rio abgeschlossen. Ich habe Spaß am Triathlon und will sehen was ich erreichen kann. Am Meisten tut es mir für das gesamte Leistungssport-Umfeld leid. Die Offiziellen der DTU, die Trainer und Betreuer, alle haben jahrelang auf das große Ziel Olympia hingearbeitet, sie hätten eine andere Entscheidung verdient gehabt.
Und Triathlon selbst ist ja bekanntlich mehr als Olympia, oder besser gesagt am Wenigsten ist dieser Sport durch Olympia bekannt geworden. Die Leute verbinden Triathlon eher mit Ironman. Von daher hat sich der Deutsche Olympische Sportbund wahrscheinlich selbst am Meisten geschadet. Es wäre eine tolle Möglichkeit gewesen Triathlon auch auf olympischer Ebene zu präsentieren. Triathlon ist ein Volkssport in Deutschland und auf der Welt, daran wird die Entscheidung des DOSB nichts ändern. Grundsätzlich frage ich mich allerdings, wie diese Entscheidung mit dem olympischen Gedanken zu vereinbaren ist.

Adressat deines Briefes ist die Bundeskanzlerin, wodurch du dir mit Sicherheit erhoffst, dass der DOSB seine Entscheidung nochmals überdenkt. Andererseits liest sich dein Facebook-Post, als hättest du die Hoffnung auf einen Olympiastart bereits aufgegeben. Was erhoffst du dir von der Veröffentlichung deines Briefs?

Ich habe es ja schon auf meiner Facebook-Seite geschrieben, der Brief, den ich natürlich auch an den für Sport zuständigen Bundesinnenminister gesendet habe, entstand am Abend und war natürlich etwas naiv, weil natürlich nichts mehr passieren kann. Für mich war es trotz allem wie eine kleine Befreiung. Ich habe mir nochmal alles von der Seele geschrieben. Auslöser war die Nachricht eines Mitgliedes des Präsidiums der DTU, die er mir ausgerichtet hat: wer kämpft kann verlieren – wer nicht kämpft hat schon verloren. In diesem Sinne war das gemeint.
Ich habe da ja auch schon gewusst, dass der DOSB die Plätze, die er nicht nominiert hat, sofort an die ITU zurückgegeben hat. Diese Plätze wurden dann auch gleich weitergegeben. Jetzt fährt z.B. für Frankreich die Juniorin Cassandre Beaugrand, eine meiner Dauerrivalinnen der letzten beiden (Junioren-)Jahre und gute Freundin.  Sie ist noch nie auf einer olympischen Distanz gestartet, aber es ist aus meiner Sicht eine richtige Entscheidung der Franzosen, eben auf die Zukunft ausgerichtet! So bietet man jungen Sportlern die Möglichkeit Erfahrung zu sammeln.

Am kommenden Wochenende wartet der Wettkampf in Hamburg auf dich, einer der Triathlon-Höhepunkte in Deutschland. Beim „Heimspiel“ ist man  als deutsche Triathletin sowieso absolut motiviert. Wird der Frust über die Olympianominierung noch weitere Kräfte in dir freisetzen?

Mal sehen… Wenn man schon mal in Hamburg gestartet ist, weiß man, dass man eigentlich gar keine extra Motivation braucht – das Rennen ist der Hammer!

Du konntest zwar schon einige Titel in deiner Karriere sammeln, trotzdem hast du die Zukunft im Sport noch vor dir. Was sind, abgesehen von der Olympiade, deine Ziele, die du dir für die nähere Zukunft vorgenommen hast?

Weitere Titel sammeln, vielleicht schon in diesem Jahr bei der U23-WM. Außerdem möchte ich die Schule ordentlich zu Ende bringen, bei der Landespolizei anfangen und in eine eigene Wohnung ziehen. Das Wichtigste ist natürlich gesund zu bleiben. Auf lange Sicht gesehen, will ich dann auf jeden Fall zu den nächsten Olympischen Spielen fahren und dort eine Medaille gewinnen.
Mit den Zielen im Leistungssport ist es eigentlich sehr einfach: immer möglichst weit vorn sein und am Besten gewinnen!

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg am Wochenende in Hamburg.

Zur Facebook-Seite von Laura.

Fotos: Thomas Sobczak, ITU Media/Delly Carr

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