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Gluten-Unverträglichkeit in Europa: Hype oder neue Epidemie?

19. September 2013 von Corinne Mäder-Reinhard

Foto: Christine Waitz,   freiGluten, auch Klebereiweiß genannt, ist in den Getreidesorten Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Dinkel, Kamut und deren Hybridstämme enthalten. Wenige Menschen reagieren darauf äußerst sensibel. Was viele nicht wissen: Normales Bier enthält übrigens auch Gluten.


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Eine Gluten-Unverträglichkeit, in der Fachsprache „Zöliakie“ genannt, ist eine chronische Erkrankung der Dünndarmschleimhaut, die einen lebenslangen Verzicht auf glutenhaltige Lebensmittel fordert. Bereits kleine Mengen an Gluten lösen bei Zöliakie-Betroffenen eine Entzündungsreaktion in der Darmschleimhaut aus, die Schädigungen, und im fortgeschrittenem Stadium sogar eine gänzliche Zerstörung der Darmschleimhaut verursacht. Dadurch ist eine ausreichende Nährstoff-Aufnahme nicht mehr gewährleistet.

Schwerwiegende Folgen

Foto: Christine Waitz, freiDie Folge ist eine Unterversorgung des Körpers bzw. ein Nährstoff-Defizit mit der Konsequenz schwerwiegender gesundheitlicher Beschwerden. Die Ernährungsmaßnahmen müssen daher streng eingehalten werden. Gluten fällt daher auch unter die gesetzliche Allergen-Kennzeichnungspflicht auf Lebensmittelverpackungen. Findet sich am Ende der Zutatenliste der Terminus „kann Spuren von Gluten enthalten“ ist das Produkt von der Rezeptur her glutenfrei, der Hersteller kann jedoch eine sogenannte Cross-Kontamination nicht vollständig ausschließen: Cross-Kontamination bedeutet, dass auf der gleichen Produktionsstrecke auch glutenhaltige Produkte hergestellt werden und trotz sorgfältigster Reinigung nicht zu 100% ausgeschlossen werden kann, dass keine Spuren mehr vorhanden sind.

Diagnose Zöliakie oft unentdeckt?

Diagnostisch wird das Krankheitsbild mittels eines Bluttests und im weiteren Schritt durch eine Dünndarmschleimhaut-Biopsie festgestellt. Ein kürzlich veröffentlichter Forschungsbericht zeigt eine Krankheitshäufigkeit von 1:270 (0,37%) bei Erwachsenen in Deutschland (Kratzer et al., 2013). Zu einem ähnlichen Ergebnis für Deutschland sowie einer Zöliakie-Häufigkeit in Europa von insgesamt 1,0% kamen weitere Studien (z.B. Mustalahti et al., 2010). Allerdings wird vermutet, dass Zöliakie eine unterdiagnostizierte Erkrankung ist, das heißt dass die meisten Betroffenen noch nicht entdeckt sind.

Gluten ist für den Gesunden kein Nachteil

Geschürt durch pseudowissenschaftliche Medienberichte ist heutzutage allerdings ein regelrechter Hype zu diesem Thema ausgebrochen. „Bücher wie „Die Weizenwampe“ (englisch „Wheat belly“) tragen zu diesem Hype bei, entsprechen aber keineswegs dem wissenschaftlichen Stand“, sagt Dr. Stephanie Baas, medizinische Beraterin der Deutschen Zöliakie Gesellschaft e.V. (DZG).
Dass die Diagnose Zöliakie jedoch beim Versorgungsamt als Schwerbehinderung zählt, ist vielen nicht bekannt. „Gluten ist für den Gesunden kein Nachteil“, so Dr. Baas. Es gibt keine evidenzbasierten Daten, die einen negativen Zusammenhang mit dem Verzehr von glutenhaltigen Produkten bei Gesunden beweist. Selbstversuche, weil man eine Gluten-Unverträglichkeit vermutet, sind übrigens kontraproduktiv, denn Dr. Baas weist ausdrücklich darauf hin, dass eine glutenfreie Ernährung vorab die ärztliche Diagnostik verfälscht. Sportler, die an einer Gluten-Unverträglichkeit leiden, sollten ihre Ernährungsumstellung mit einem Ernährungsberater sorgfältig planen, damit Gesundheit und sportliche Leistung nicht darunter leidet.

Abgeschwächte Varianten 

In der Expertenwelt ist man sich aber zudem einig, dass es auch wenige Menschen gibt, die keine Zöliakie haben, aber trotzdem Gluten nicht optimal vertragen. Bei der sogenannten Glutensensitivität muss sich ein Patient meist jedoch nicht strikt glutenfrei ernähren, sprich auf „jeden Brösel“ achten. „Für einen direkten Nachweis der Glutensensitivität gibt es allerdings zurzeit keine diagnostische Möglichkeiten“, sagt Dr. Baas.

Euere Meinung ist gefragt

Uns interessiert, wie ihr persönlich zu Gluten steht, sowie zu den ebenfalls häufig diskutierten Themen Laktose (Milchzucker) und Fruktose (Fruchtzucker). Wir würden uns freuen, wenn ihr euch einen kurzen Moment für die kurze anonyme Umfrage Zeit nehmt (Teilnahme bis zum 05. Oktober 2013 möglich).

Hier geht es zur Umfrage.

Über Corinne Mäder

Corinne Mäder ist Certified Sports Nutritionist from the International Society of Sports Nutrition (CISSN), studierte Ernährungswissenschaftlerin und arbeitet als European Sport Nutrition Manager bei PowerBar. Derzeit absolviert sie zusätzlich ein Aufbaustudium des International Olympic Committee (IOC). Sie steht seit mehreren Jahren Profi-Athleten und Hobby-Sportlern beratend zur Seite.

Quellen

Kratzer W, Kibele M, Akinli A, Porzner M, Boehm BO, Koenig W, Oeztuerk S, Mason RA, Mao R, Haenle MH. Prevalence of celiac disease in Germany: a prospective follow-up study. World J Gastroenterol. 2013 May 7;19(17):2612-20.
Mustalahti K, Catassi C, Reunanen A, Fabiani E, Heier M, McMillan S, Murray L, Metzger MH, Gasparin M, Bravi E, Mäki M; Coeliac EU Cluster, Project Epidemiology.The prevalence of celiac disease in Europe: results of a centralized, international mass screening project. Ann Med. 2010 Dec;42(8):587-95.

Fotos: triathlon.de

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