Du bist hier: Triathlon Portal - triathlon.de > Allgemein > Expertenserie: Dr. Klaus Pöttgen über Körperwahrnehmung und Kompression

Expertenserie: Dr. Klaus Pöttgen über Körperwahrnehmung und Kompression

19. Mai 2013 von Dr. Klaus Poettgen

Foto: Christine Waitz,   freiMit dem Blick über den triathletisch-sportlichen Tellerrand hinaus erklärt uns Dr. Klaus Pöttgen die Körperwahrnehmung des Sportlers. Angesprochen wird, was eine gute oder schlechte Wahrnehmung für das Verletzungsrisiko bedeutet, wie Kompressionskleidung die Körperwahrnehmung beeinflusst und ob sie zu mehr gut ist, als nur die Durchblutung zu fördern.


Triathlon Anzeigen

Untersucht wurde die Körperwahrnehmung, die sogenannte Propriozeption, im Fußball. Ein Bundesligakader wurde einem Bewegungstest unter unterschiedlichen Bedingungen, nämlich je einmal mit Stutzen, Kompressionsstrümpfen und ohne Strümpfen, unterzogen. Auch wenn Triathleten häufig nicht zu den großen Künstlern am Ball zählen, dürften die Ergebnisse der Untersuchung durchaus für den Ausdauersport interessant sein.

Gute Körperwahrnehmung lässt Bewegungen exakt koordinieren

Neben Skifahren gehört Fußball wohl zu den komplexesten Sportarten, die eine außergewöhnliche Körperwahrnehmung der Beine im Bewegungsablauf erfordern. So muss der Skifahrer und der Fußballer die Slalomstangen oder den Gegner beobachten und gleichzeitig ein großes Maß an Feinkoordination über das Knie und den Fuss steuern ohne diesen zu sehen. Nur so fädelt der Skifahrer nicht ein und der Fußballer kann den Ball exakt führen.

Die Rückmeldung der Lage des Knies erfolgt durch verschiedene Rezeptoren wie Muskel- und Sehnenspindeln. Die bewusste Wahrnehmung des Positionssinnes der Extremitäten erfolgt also über Informationen der Nerven aus Bandstrukturen, Muskeln und Gelenkkapsel. Diese Informationen werden im Rückenmark für einfache und im Gehirn zur Kontrolle von komplexen Bewegungsmustern zusammengeführt, um die räumliche Orientierung zu ermöglichen. Der Sportler ist sich dann der Position seines Gelenkes im Raum bewusst. Das ermöglicht ihm wiederum Reflexe auszulösen, die das Gelenk stabilisieren.

Kniebandagen helfen nach Verletzung

Operationen und Verletzungen führen zu Defiziten in der Körperwahrnehmung. Auch können umgekehrt Defizite in der Wahrnehmung die Ursache für erneute Verletzungen, chronische Verletzungen bis hin zu degenerativen Veränderungen (also Abnutzungserscheinungen) durch andauernde fehlerhafte Belastungsspitzen sein.

Angenommen unser Sportler hatte eine Verletzung am Knie: Durch zusätzliche Hilfen wie dem Tragen einer elastischen Kniebandage am Kniegelenk entsteht über den Hautkontakt ein erhöhtes neurosensorisches Feedback. Bei zahlreichen Patienten konnten dadurch die Defizite verbessert werden. Bei gesunden Knien konnte dieser Effekt im Test nicht gezeigt werden. Kniebandagen werden heutzutage in Kompressionsstärke angeboten.

Verbessert Kompression die Körperwahrnehmung?

2011 berichteten 19 Fußballbundesligaspieler, die regelmäßig Kompressionsstrümpfe trugen folgendes: 72% stabileres Gefühl, 59% direktes Gefühl zum Ball, 68% direktes Gefühl zum Laufen, 68% geringeres Verletzungsgefühl, 81% besseres Laufgefühl, 81% schneller warm werden.

Daraus ergibt sich die Fragestellung, ob die Körperwahrnehmung durch das Tragen von Stutzen oder Kompressionsstrümpfen verbessert werden kann und ob dies unter anderem auch der Grund für die subjektiven Verbesserungen ist.
Zur Einschätzung der Körperwahrnehmung wurden sogenannte aktive Winkelreproduktionstests (Nachstellung des Kniewinkels anhand eines Modells oder visueller Vorgabe) eingesetzt. Dabei stellt der Proband sein Knie aktiv auf einen vorher gezeigten Winkel ein, ohne dieses zu sehen.

Die Untersuchung

25 Spieler eines Bundesligakaders wurden zu Beginn der Saison im Liegen einem aktiven Winkelreproduktionstest mit Stutzen, mit Kompressionstrümpfen und ohne Strümpfe unterzogen. Dabei wurden Druckverhältnisse eines normalen Fußballstutzen gemessen um mit den Verhältnissen eines Kompressionsstrumpfes zu vergleichen (Abb. 1).

  Wadenbereich Stutzen Kompressions-strumpf
D Bundabschluss 5,2 mmHg 16,9 mmHg
C Wade
(größter Umfang)
6,3 mmHg 18,6 mmHg
B1 Wadenansatz 4 mmHg 20,4 mmHg
B Fessel 7,1 mmHg 23,2 mmHg

Abb.1.: Kompression von Stutzen und Kompressionsstrumpf an der Wade

Foto: Christine Waitz, freiAnalyse  und Diskussion der Ergebnisse

Zunächst wurde untersucht, ob das stärkere Bein einen Einfluss auf das Ergebnis hat. Wir gehen aufgrund der Resultate davon aus, dass das starke Bein keinen Einfluss auf das Wiederfinden des Winkels hat. Zudem hatte weder das Alter noch der Status eines in der Vergangenheit operierten Knies Einfluss auf die Abweichung. Beim Versuch mit den Kompressionssocken zeigen sich deutlich die geringsten absoluten Abweichungen von der zu treffenden Bewegung. Die Unterschiede zwischen den Versuchsdurchgängen ohne und mit Stutzen sind nur gering.

In der durchgeführten Untersuchung vermitteln Kompressionsstrümpfe eine verbesserte Körperwahrnehmung gegenüber Stutzen oder keinen Strümpfen und damit folglich ein besseres Körpergefühl mit geringerer Verletzungsanfälligkeit. Stutzen konnten gegenüber der nackten Haut kein besseres Ergebnis erzielen. Hier scheint der der oft propagierte alleinige Hautkontakt als neurosensitives Feedback ohne genügend Druck keine Verbesserung zu bringen.

Fazit

Kompressionstrümpfe verbessern im Gegensatz zu Stutzen die Propriozeption. Damit sind subjektiv angegebene Werte von Profifußballern auch mit objektiv messbaren Werten wie Durchblutungsverbesserung und verbesserter Körperwahrnehmung im Test deckungsgleich. In Sportarten wie Skifahren und Fußball, bei denen ohne Sichtkontakt zum Fuss teilweise höchste Feinstkoordination erforderlich ist, sind für Erfolg (kein Einfädeln, Dribbling) und damit verbundenes geringeres Sturz- und Verletzungsrisiko Kompressionsstrümpfe unbedingt zu empfehlen.

Wer mehr von Dr. Klaus Pöttgen hören möchte, der bekommt im Juli die Möglichkeit dazu. Im Rahmen des Ironman Frankfurt findet am 6. Juli 2013 eine Weiterbildung für Ärzte und Trainer zur Lizenzverlängerung statt. Informationen dazu gibt es auf der Website von Klaus Pöttgen.

http://www.klaus-poettgen.de/ironmanseminar.htm

Fotos: triathlon.de

Triathlon.de Anzeigen
 
Zum Triathlon.de Newsletter anmelden