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Challenge Roth Spezial: Interview mit Fritz Buchstaller – „Aerodynamik ist einfach etwas ganz individuelles“

9. Juli 2015 von Christine Waitz

Christine Waitz,   freiWer den kleinen Laden in der Allersberger Straße in Hilpoltstein betritt, der findet sich in einem Triathlon-Mikrokosmos wieder. In dem von Fritz Buchstaller. Der Welt, in der sich alles rund um den Dreisport dreht, insbesondere um das Radfahren. Noch genauer um Aerodynamik, Wattwerte, Sitzpositionen und vor allem den Athleten.


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Wer sich in diese Welt begibt, sollte stets etwas Zeit mitbringen. So wie es zahlreiche Profis seit Jahren machen: Timo Bracht, Konstantin Bachor, Anja Beranek, Faris Al- Sultan, um nur wenige Beispiele zu nennen.

Sie alle vertrauen Fritz Buchstaller. „Der Magier von Hilpoltstein“, titelte die Presse einmal und erntete dabei nicht unbedingt Beifall vom Fahrradflüsterer selbst. Mit Magie hat eine Sitzpositionsoptimierung nämlich nichts zu tun. Vielmehr stecken Jahrzehnte lange Erfahrung und ständiges Tüfteln, Forschen und Entwickeln hinter dem Prozess, der mittlerweile viel mehr ist, als nur Radeinstellung. Doch am besten kann das Fritz Buchstaller wohl selbst erklären.

Der 54-jährige kennt sich nicht nur in Sachen Aerodynamik und Radsport bestens aus, sondern kennt auch die Strecke des Challenge Roth wie seine Westentasche. Im Training hunderte Male gefahren und im Rennen seit 2002 stets am Start. Mit der Nummer 49 geht er in das Rennen, das er im letzten Jahr nach 10:01:08 Stunden beendet hatte.

Christine Waitz, freiHallo Fritz: Wir beginnen mit der wichtigsten Frage: Was macht die optimale Aeroposition aus?

Das ist schwierig zu beantworten, denn die optimale Aeroposition ist immer ein Kompromiss zwischen der Beweglichkeit des Athleten und dem Material. Derjenige, der die Sitzpositionseinstellung vornimmt muss da schon ein gutes Auge dafür haben. Wenn man es ganz genau wissen möchte, dann muss man in den Windkanal gehen.
Die optimale Aerodynamik ist einfach etwas ganz individuelles. Man kann den gleichen Helm drei verschiedenen Leuten geben und bei jedem Fahrer hat er eine andere Aerodynamik.

Was sind die häufigsten Fehler in Sachen Radposition?

Der häufigste Fehler, den man bei Triathleten sieht, ist ein zu hoher Sattel. Dann stelle ich oft fest, dass  diejenigen,  die ihr klassisches Rennrad zum Triathlonrad umgebaut haben, den Sattel zu weit hinten haben. In der Aeroposition, auf dem Aerolenker, ist die Position oft zu gestreckt, der Armwinkel zu flach. Dadurch kommt der Kopf hoch und es entstehen Nackenverspannungen.

Bei dir gehen Profis ein und aus. Lohnt sich so eine Sitzpositionsoptimierung auch für Otto Normaltriathlet?

Christine Waitz, freiWas ich mache, ist viel mehr als nur eine Sitzpositionsoptimierung. Bevor ich den Menschen überhaupt auf das Rad setze, mache ich ihn ersteinmal gerade, korrigiere einen Bekenschiefstand. Immerhin kommen 95 Prozent der Leute krumm zu mir, und wissen, dass sie krumm sind.
Für mich klingt das so: Ich weiß, ich habe Karies und mache nichts dagegen, obwohl mir dann in fünf Jahren die Zähne ausfallen. Ähnlich ist es beim Sportler, wenn er die ganze Zeit krumm unterwegs ist, dann nutzen sich die Knorpel ab, oder der Körper kompensiert die Fehlstellung. Das geht eine Weile gut. Doch irgendwann ist einfach Schluss – bei manchen nach fünf, bei anderen nach zehn Jahren. Das kommt dann auf die Konstitution insgesamt an.

Es geht mir also ersteinmal nicht um Leistung am Rad. Das wichtigste ist, dass wenn man Sport macht, dass man auch gerade und damit Problemfrei ist.

Vor einigen Jahren noch galt deine Konzentration allein den Boliden. Mittlerweile behandelst du den Fahrer mindestens so eingehend wie das Rad. Was steckt dahinter?

Ich hatte vor 25 Jahren eine Sportverletzung, die ich über ein Jahr mit mir herumgetragen habe. Verschiedene Orthopäden wussten keinen Rat. Letztendlich bin ich dann, nachdem ich beschlossen hatte aufzuhören, wenn sich jetzt keine Ursache findet, zu einer Therapeutin, die war meine letzte Hoffnung.
Nach zwanzig Minuten Behandlung war das Problem erledigt. Es stellte sich heraus, dass es nur ein Beckenschiefstand, hervorgerufen durch eine orthopädische Einlage, war. Das Problem mit der Einlage zog sich durch den Körper nach oben. Nach vier Tagen Pause war die Entzündung weg und ich konnte wieder Laufen.

Christine Waitz, frei

Die Dame hat mit Dorntherapie gearbeitet und das hat mich so fasziniert, dass ich selbst einen Lehrgang gemacht habe. Damals habe ich festgestellt, dass sich die Sache auch am Rad anwenden lässt. Vor knapp zehn Jahren stieg ich dann durch Rainer Wittmann, einen Physiotherapeuten, Kinesiologen, Osteopaten und Heilpraktiker noch tiefer in die Materie ein. Wir haben uns zusammengesetzt und überlegt, wie man die Kinesiologie für die Radeinstellung anwenden könnte. Seither mache ich das und bin der Meinung, dass es die genauest mögliche Methode ist, Probleme aufzudecken und zu lösen.

Triathleten waren schon immer bekannt für ihre Akribie in Sachen Technik. Du beschäftigst dich seit Jahrzehnten mit dem Thema Aerodynamik auf dem Fahrrad. Im Rückblick: Was waren für dich entscheidende Entwicklungen?

Die entscheidendste Sache ereignete sich 1987 auf Hawaii. Damals kamen mir Dave Scott und Scott Dillan mit einem Aerolenker entgegen. Das kannten wir noch gar nicht . Das waren schon mal 30 Watt, die man sich im Vergleich zu einem klassischen Rad spart. Das war so ziemlich das revolutionärste, was im Triathlon passiert ist. Sieht man auch daran, dass die Radfahrer es schnell übernommen haben. Der Rest war alles nur noch Feintuning….

Dieser Beitrag ist erschienen im triathlon.de MagaLog.

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Fotos: triahtlon.de

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