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Beinschmerzen beim Triathleten- und keiner weiß warum? Entstehung, Beschwerden, Diagnose und Therapie von Schlagadererkrankungen beim Ausdauerathleten

23. Oktober 2015 von Dr. med. Susanne Regus; Prof. Dr. med. Werner Lang

Christine Waitz,   freiMuskelschmerzen kennt sicherlich jeder Ausdauersportler, insbesondere nach einem harten Training oder Wettkampf. Die häufigsten Ursachen sind muskulären Ursprungs, wie z.B. Muskelfaserrisse oder -zerrungen, die leicht zu erkennen sind und meist ohne besondere Therapiemaßnahmen wieder von selbst verschwinden. Anders verhält es mit Veränderungen der Beinschlagadern, die ebenfalls für belastungsabhängige Beinmuskelschmerzen verantwortlich sein können.


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Diese sind oft sehr schwierig zu diagnostizieren und die Beschwerden nehmen ohne spezifische Therapie im Verlauf der Zeit oft zu. Im Extremfall kann bei verschleppter Diagnose und fortgeschrittener Gewebeveränderungen sogar die Amputation des Beines notwendig sein, um eine lebensbedrohliche Blutvergiftung zu verhindern.

Ursachen und Entstehung

Gefäßveränderungen sind in unserer zivilisierten Gesellschaft am häufigsten durch Gefäßverkalkungen im Rahmen der Atherosklerose bedingt. Derartige Gefäßverkalkungen entstehen durch zu hohen Blutdruck, Rauchen, hohe Blutfette bei Übergewicht oder erhöhte Blutzuckerwerte. Es kommt hierbei zu Engstellen oder Verschlüssen der betroffenen Gefäße. Diese können am Herzen zum Herzinfarkt, im Gehirn zum Schlaganfall und am Bein zur sogenannten Schaufensterkrankheit führen. Aber auch bei sonst gesunden, durchtrainierten Ausdauersportler wird zunehmend über Gefäßverengungen und -verschlüsse berichtet, allerdings weisen diese im Vergleich zu atherosklerotischen Veränderungen keine Verkalkungen oder Fettablagerungen auf. Sie entstehen vielmehr durch die ständigen Scherbewegungen der Gefäße während des Trainings, bevorzugt im Bereich des Hüft- und Kniegelenks. Durch die sich ständig wiederholenden Bewegungen kann eine Schädigung und Verdickung der Gefäßwand entstehen, welche wiederum zur Gefäßverengung oder zum -verschluss führen kann. Im Beckenbereich werden diese Gefäßwandverdickungen Endofibrose genannt.

Christine Waitz, frei

Symptome

Die durch die Gefäßverengung verursachten Probleme sind vielgestaltig, meist wird über Muskelschmerzen bei Belastung berichtet, welche in Ruhe verschwinden. Diese Schmerzen sind Folge einer durch die Engstelle bedingten schlechteren Blutversorgung des Beines. Es kann für den behandelnden Arzt mitunter sehr schwierig sein, eine Gefäßproblematik zu diagnostizieren, insbesondere deshalb, weil andere Erkrankungen aus dem muskuloskelettalen Abschnitt weitaus häufiger sind. Im Vergleich zu belastungsabhängigen Schmerzen, welche über viele Monate und Jahre bestehen können, sind plötzlich auftretende Schmerzen und ein Kältegefühl typisch für den Gefäßverschluss, welcher leichter festzustellen ist.

Diagnose

Es gibt mehrere Untersuchungsmethoden, um Gefäßengstellen oder -verschlüsse festzustellen. Zum einen kann eine körperliche Untersuchung bereits wegweisend sein, wenn Beinpulse (Leiste, Kniekehle oder Fuß) auf der betroffenen Seite nicht mehr zu tasten sind. Allerdings schließen tastbaren Fußpulse eine Gefäßproblematik nicht aus. Bei begründetem Verdacht sollte sich deshalb eine Durchblutungsmessung des Beines (Bestimmung des Knöchel-Arm-Dopplerindex) anschließen, bei der der Blutdruck auf Knöchelhöhe zu dem am Oberarm in Relation gesetzt wird. Normalerweise ist der Quotient aus dem Blutdruck am Knöchel (Zähler) zu dem am Oberarm (Nenner) unter Ruhebedingungen ? 1. Allerdings ist auch hier nur ein erniedrigter Wert wegweisend, wohingegen ein Wert ? 1 eine Gefäßproblematik nicht ausschließen kann. Anders verhält es sich mit der Bestimmung des Knöchel-Arm-Dopplerindex nach maximaler Belastung, z.B. auf dem Ergometer oder Laufband. Physiologischerweise kommt es zu einem Abfall des Knöchel-Arm-Dopplerindex nach Belastung, allerdings ist ein Wert von < 0,7 als pathologisch (verdächtig) zu werten und sollte Anlass für weitere Untersuchungsmethoden, speziell die Sonographie und Kernspinuntersuchung, sein.

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Mit der Sonographie kann in geübter Hand das gesamte Gefäßsystem am Bein dargestellt werden, allerdings können Luftüberlagerungen durch Darmgase für eine schwierige Beurteilung der Beckengefäße verantwortlich sein. Hier kann die Kernspintomographie Abhilfe schaffen, da mit dieser Untersuchungsmethode auch die Beckengefäße problemlos dargestellt werden können. Beide Methoden haben den Vorteil, dass kein Kontrastmittel verabreicht und ohne Strahlenbelastung gearbeitet wird. Grenzen der Anwendbarkeit der Kernspintomographie sind Metallimplantate, z.B. künstliche Gelenke oder Metallplatten nach operativer Versorgung von Beinbrüchen, weil es hierdurch zu sogenannten Auslöschphänomenen kommt. Weiterhin gibt es Menschen, die unter Platzangst leiden und für die diese Untersuchungsmethode deshalb nicht in Frage kommt.

Die Angiographie der Becken-Bein-Gefäße, bei der über die Leistenschlagader ein Katheter bis in die Bauchschlagader vorgeschoben und hierüber Kontrastmittel verabreicht wird, sollte nur noch in Ausnahmefällen (im Rahmen einer interventionellen Therapie, siehe unten) erfolgen. Nachteilig an dieser Untersuchung sind die Gefahr der Blutung aufgrund des Einstechens in der Leiste sowie der einer Kontrastmittelreaktion, wie Übelkeit, Erbrechen oder gar Kreislaufschock.

Therapie

Sind Gefäßverengungen oder – verschlüsse mit oben genannten Methoden nachgewiesen worden, dann gibt es drei Möglichkeiten der Therapie.

  1. die sogenannte konservative Therapie, was soviel wie Änderung der Lebensgewohnheiten bedeutet. Konkret heißt das, dass der Athlet das Trainingspensum reduzieren oder auf eine andere Sportart wechseln muß. Der Vorteil dieses Therapieansatzes ist, dass er im Vergleich zu einer Operation keine Nebenwirkungen hat, allerdings kann hiermit erfahrungsgemäß den wenigsten Patienten geholfen werden.
  2. die interventionelle Therapie, womit eine Aufdehnung des betroffenen Gefäßes durch einen über die Leistenschlagader eingeführten Ballonkatheters gemeint ist. Da das Gefäß allerdings nach der Aufdehnung und dann wieder intensiveren Fortsetzung des Ausdauersportes weiterhin der Belastung ausgesetzt ist, handelt es sich hier eher um eine kurzfristige Lösung des Problems.
  3. die operative Therapie als Goldstandard. Hierbei wird über einen Bauch- oder Flankenschnitt das betroffene Gefäß dargestellt und entweder nach Entfernung der verdickten Gefäßwand erweitert oder mit einer körpereigenen Vene ersetzt. Den Nachteil der möglichen operativen Risiken inclusive Narkosenebenwirkungen macht die anschließende, längerfristige Beschwerdefreiheit wett.

Zusammenfassung und Ausblick

Gefäßprobleme als Ursache von belastungsabhängigen Muskelschmerzen bei Ausdauersportlern sind schwierig zu diagnostizieren, weshalb von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden muß. Eine erhöhte Aufmerksamkeit für dieses Erkrankungsbild ist immens wichtig, da das „Dran denken“ sowohl auf der Seite des Patienten als insbesondere  auch auf der des behandelnden Arztes  Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung dieser durchaus ernstzunehmenden Erkrankung ist.

Die Uni Erlangen sucht Betroffene für eine Studie. 

Zur Website der Uni Erlangen.

Fotos: triathlon.de

Dr. med. Susanne Regus arbeitet in der gefäßchirurgischen Abteilung im Universitätsklinikum Erlangen.
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