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Siegerinterview mit Christoph Strasser

Race Across America 2011:
Siegerinterview mit Christoph Strasser

26. Juli 2011 von Ralph Schick

Der Sieger des Race Across America (RAAM) 2011 heißt Christoph Strasser. Der sympatische Österreicher absolvierte das Rennen über 4.828 Kilometer und ca. 30.000 Höhenmeter von der Westküste bis zur Ost-Küste der USA in unglaublichen acht Tagen, acht Stunden und sechs Minuten. Wir haben mit dem jüngsten Sieger des RAAM, Christoph Strasser, über seine Erfahrungen und Erlebnisse bei dem Rennen gesprochen.


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Was waren deine ersten Erfahrung bei Langstreckenrennen? Wie sieht dein sportlicher Background aus?

Mit 18 Jahren habe ich meine Fussballschuhe an den Nagel gehängt und mir hat Mountainbiken bereits großen Spaß gemacht. Gleichzeitig sah ich mit großer Begeisterung im Fernsehen einen Bericht über Wolfgang Fasching, der damals gerade das „Race Across America“ bestritt und war völlig aus dem Häuschen. Mir war damals noch nicht bewusst, dass das die Initialzündung für mein jetziges Leben war.

Später ergab sich zufällig die Teilnahme bei einem 24 Stunden Rennen, weil meine Kumpels absagten und die geplante Vierer Staffel nicht zustande kam. Ich versuchte es alleine, stand mit Laufschuhen, einem alten Bike und einem T-Shirt am Start.

Mir gefiel all das, ich hatte mein Talent entdeckt und seitdem geht alles wie von selbst. 2005 war ich mit 22 Jahren der jüngste Finisher am Race Across The Alps, 2007 qualifizierte ich mich fürs RAAM und holte meinen ersten Ultramarathon WM-Titel.

Die Pro-Tour hat mich nie fasziniert, es erschien mir langweilig wenn 150 Mann ins Ziel sprinten.

Wie muss man sich die Vorbereitung für das RAAM vorstellen? Wie sieht vor allem die mentale Vorbereitung aus? Wie bereitet man sich auf Schlafmangel vor?

Körperliches Training ist natürlich die Basis. Ich trainiere etwa 30 Stunden, bzw. knappe 1000 Kilometer in der Woche. Das Training beginnt Ende Oktober und geht bis zum Wettkampf, danach mache ich einige Wochen gar nichts, bzw. fahre nur ganz wenig im regenerativen Bereich. Der September ist dann total trainingsfrei. Entscheidend für diese Leistungen sind aber jahrelanger Aufbau und Teilnahmen an vielen Langstrecken- bzw. 24 Stunden Rennen. Wichtig ist aber auch mentales Training, wo ich mir meine Ziele immer wieder visualisiere, und alle möglichen Szenarien mit den jeweiligen Lösungsstrategien im Rennen durchgehe. Mentales Training sieht so aus, dass ich mich zweimal pro Woche für circa 30 Minuten ruhig auf die Couch lege und meine „Traumreise“ antrete.

Wie groß war dein Team beim RAAM? Wen hattest du dabei und welche Aufgaben/Funktionen hattest du besetzt?

Mein Team bestand aus 11 Betreuern, wobei die Aufteilung ganz grob so aussah: 5 Betreuer für das Begleitfahrzeug, 4 für das Medienteam, 2 für das Wohnmobil. Jeder von meinem Team war gleich wichtig und hat seinen Job gleich ernst genommen und professionell ausgeführt. Die Begleitfahrzeugcrew bestand aus meinem Trainer, dem Teamchef und betreuenden Arzt, meinem Mentalcoach, Physiotherapeuten und Mechaniker. Alle sind Allrounder, gute Autofahrer und können navigieren. Es wurde für den Tag und die Nacht jeweils die Crew gewechselt, damit sich mein Team auch erholen kann. Die Mediencrew ist etwas unabhängiger, macht Aufnahmen und Bilder, informiert die Presse und sucht Internetcafes für Website-Updates. Sie müssen aber immer in der Nähe sein, damit sie bei einem Defekt am Begleitauto einspringen können. Das Wohnmobil wurde immer vorausgeschickt, damit mein Team und ich die kurzen Pausen darin absolvieren können. Die Crew vom Wohnmobil versorgte uns alle mit Essen, Trinken und diente als Basis des Unternehmens RAAM.

Hatte das Projekt einen Teammanager oder hast du alles selber organisiert?

Ich organisiere im Vorfeld alles selbst, weil es mein Job ist und ich als Profi neben dem Training meine Zeit gut einteilen kann. Alle meine Betreuer haben ja einen 40 Stunden Job, und opfern ihren Urlaub für das RAAM. Darum finde ich es fair, wenn ich die Organisation komplett übernehme. Sobald wir aber in Amerika waren und das Rennen losgeht, mache ich gar nichts mehr und gebe alles ab. Ich vertraue auch im Rennen zu hundert Prozent auf die Entscheidungen und Vorgaben meines Teams.

Was kostet so ein Projekt? Wie finanziert man so etwas?

Finanziert wird das Projekt so gut wie möglich über Sponsoren. Während ich bei meiner ersten Teilnahme 2009 noch einen großen Teil selbst zahlen musste, war das RAAM 2011 von Sponsoren finanziert. Kostenpunkt insgesamt etwa 45.000 Euro!

Wie waren die Bedingungen beim Rennen? Gab es Extremsituationen? Wie hast du sie gelöst?

Bei einem solchen Rennen gibt es immer wieder extreme Momente, das lässt sich nicht vermeiden. Aber mein Team hat mich so gut betreut, dass es zumindest körperlich keine groben Probleme gab. Es gelang uns, ziemlich fit im Ziel anzukommen, und das bei nur 7,5 Stunden Schlaf während des ganzen Rennens. Das zeugt von sehr guter Taktik, optimaler Ernährung und bester Gesundheit. Kritisch war nur der Hintern, der kurzfristig offen war, weil die Straßen so extrem schlecht sind und wir einige Baustellen hatten. Durch eine Behandlung mit Salben und aufklebbarer Folie heilte die Wunde bis ins Ziel komplett zu. Danke auch an meine Ausrüster, denn das war nur durch das komfortable Bike und die hochwertige Hose möglich.

Ansonsten gab es nur kritische Situationen, die sich in meinem Kopf abspielten. Die Überquerung des 3300m hohen Wolf Creek Pass war kritisch, weil ich dort vor zwei Jahren Probleme mit meiner Atmung bekam und ich etwas Angst davor hatte wieder krank zu werden. Als ich drüber war und meine Lunge keine Anzeichen von Problemen signalisierte war ich heilfroh und gab so richtig Gas. Die Zieleinfahrt war auch eine Katastrophe. Gezeichnet vom Schlafentzug und mit den Gedanken schon im Ziel, waren die letzten 50 km eine Qual sondergleichen. Auf der Stadtautobahn rund um Washington DC wollte ich einige Male vom Rad steigen und warf die Nerven im Verkehrschaos komplett weg. Es war gefährlich und eine unwürdige Zieleinfahrt. Aber die Freude war danach umso größer.

Wie geht es weiter? Was steht als nächstes bei dir an?

Was ich diese Saison noch mache, entscheide ich kurzfristig. Wenn ich mich gut erhole, nehme ich noch an einem langen Rennen teil. Aber mein Ziel für 2012 ist klar: Ich möchte wieder beim RAAM starten und ein gutes Rennen abliefern!

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Fotocredits: Harald Tauderer, Alexander Karelly | Lupispuma.com

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