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Professionelle Sitzpositionsanalyse: Fünf Fragen rund um die perfekte Position

10. Juni 2016 von Christine Waitz

Sven Hindl,   einmaligImmer mehr Sportler lassen ihren Zeitfahrboliden millimetergenau an sich anpassen. Statt Rad von der Stange wird geschoben, gebastelt und geschraubt, bis das Rad den individuellen körperlichen Voraussetzungen nach perfekt optimiert ist. Wir haben Spezialist Jürgen Trapp über die Schulter geschaut und natürlich zahlreiche Fragen gestellt.


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Seit 1981 ist Jürgen Trapp als Trainer tätig. In den letzten 15 Jahren hat er sich dabei konsequent Richtung Ausdauersport entwickelt. Seit 2008 betreibt Trapp die Firma Sporteffekt, die sich vor allem mit den Themen Höhentraining, Leistungsdiagnostik, Trainingssteuerung und Sitzpositionsoptimierung auseinandersetzt.

Sitzpositionsvermessung. Mittlerweile scheint kaum mehr jemand ohne auszukommen. Danach sind sie alle begeistert. Doch woran kann ein Sportler merken, dass seine Radposition nicht passend ist?

Spätestens dann,  wenn Schmerzen auftreten, sollte man neben der medizinischen Abklärung auch sicherstellen, dass die Schmerzen nicht von der falschen Einstellung des Rades oder der Position der Cleats kommen. Natürlich sollte man auch prüfen lassen, ob das vorhandene Material für einen persönlich optimal ist.
Hier stehen Vorbaulänge, Lenkerbreite und die Wahl des richtigen Sattels im Vordergrund. Natürlich sind auch eingeschlafene Füße oder Hände ein Zeichen dafür, dass eventuell die Position nicht korrekt ist. Auch wenn man immer wieder an seiner Position etwas verändert, aber einfach kein Setup findet, mit dem man sich auf dem Rad wohl fühlt, ist ein professionelles Bike Fitting zu empfehlen.

Einen Inbusschlüssel kann ja jeder in der Hand halten. Und professionell gucken – ja, das können auch viele. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie einen auch perfekt auf das Rad setzen können. Woran also erkennt man einen professionellen Bike-Fitter?

Das ist gar nicht so einfach, das im Vorfeld zu erkennen. Ich empfehle in einem Telefonat, bevor man einen Termin ausmacht, sich den Ablauf erklären zu lassen. Bereits hier wird sich zeigen, wer auf die Kunden-Wünsche/Probleme eingeht und sich auch entsprechend Zeit dafür nimmt. Jeder Bike Fitter sollte in der Lage sein, den Ablauf des Fittings detailliert zu beschreiben.

Für mich ist klar, dass jedes Bike Fitting beim Menschen selbst anfängt. Dazu gehört für mich, neben der Vorbesprechung auch ein Überprüfen der Muskulatur auf Flexibilität, Beckenstand usw. Erst danach geht es an das Rad. Wenn ein Bike Fitter viele Fragen stellt, ist das generell ein gutes Zeichen. Während des Fittings sollte ein Zusammenspiel zwischen Athlet und Bike Fitter stattfinden, um gemeinsam die optimale Position zu finden. Eine stur nach optimalen Winkeln und aerodynamischer Perfektion eingestellte Position ist im seltensten Falle auch die Position, die der Mensch lange und bequem fahren kann. Ein Bike Fitting kann auch mal bis zu 2-2,5 Stunden dauern, bis alles passt. Soviel Zeit muss sein. Auch eine Nachkontrolle, falls man mit der Position dann in der Praxis nicht zurecht kommt, sollte selbstverständlich sein und auch kostenfrei.

Winkel vermessen, etwas herumschieben und schon passt es, oder? So schwierig kann es ja nicht sein, eine perfekte Position auf dem Rad zu finden. Warum sollte das bis zu zwei Stunden dauern? Was wird bei einem Bike-Fitting überhaupt gemacht?

Da nicht jeder Mensch gleich ist, kann auch der Ablauf einer Sitzpositionsoptimierung unterschiedlich sein. Folgende Punkte sind zumindest bei Sporteffekt immer Bestandteil des Bike Fittings:

  1. Vorgespräch mit dem Kunden. Klärung der Möglichkeiten und Optionen, um Beschwerden zu beseitigen (oder zu verringern) oder Wünsche umzusetzen.
  2. Ist-Analyse von Mensch und Material. Teilweise mit kinesiologischen Test. Analyse des Tretverhaltens mit Laserlot und des Muskeltonus unter Belastung.
  3. Optimierung der Cleat Position – Ein unterschätztes Thema. Das ist die feste Verbindung zum Bike, hier muss alles optimal sein.
  4. Anpassung diverser Winkel (Kniewinkel, Sitzwinkel…usw.), um eine optimal Kraftübertragung zu gewährleisten und gesundheitlichen Beschwerden vorzubeugen.
  5. Optimierung des Druckpunktes.
  6. Anpassung der Sitzhöhe.
  7. Anpassung von Lenker und Vorbau.
  8. Gesamtbildkontrolle.
  9. Probefahrt.

Bequem auf dem Rad sitzen ist ja eine tolle Sache. Doch im Rennen geht es eigentlich nur um eines: Schnell sein. Die Wichtigste Frage ist also, Verbessert ein Bike-Fitting meine Leistung?

Eindeutig ja. Durch ein Bikefitting habe zwar ich nicht mehr Leistung, aber die aufgebrachte Kraft wird perfekt übertragen. Es gibt damit weniger Druckverlust, mein ganzes System arbeitet ökonomischer. Es kommt mehr Watt auf der Straße an, obwohl ich nicht mehr Kraft aufbringe. Somit steigt die Geschwindigkeit. Durch mehr Aerodynamik steigt natürlich die Geschwindigkeit nochmals. Und ich kann einfach länger fahren.

Christine Waitz, frei

Soll ich, soll ich nicht? Soll man die Kosten einer Sitzpositionsoptimierung tatsächlich auf sich nehmen? Für wen ist eine professionelle Sitzpositionsanalyse sinnvoll?

Für jeden, der nicht nur Sonntags zum Bäcker mit dem Rad fährt. Jeder, der regelmäßig Rad fährt, sollte über eine Sitzpositionsoptimierung nachdenken. Alleine schon aus einem gesundheitlichen Aspekt.
Es ist wichtig, das gute Gefühl zu haben, dass alles korrekt eingestellt ist, und ich mir beim Radeln etwas gutes tue. Je mehr ich auf dem Rad sitze, umso notwendiger wird ein Bikefitting. Wer auf Leistung fährt, oder an Wettkämpfen teilnimmt, für den sollte ein Fitting eigentlich Pflicht sein. Das ist ein sehr gutes Investment in Gesundheit und Tuning. Es gibt für den Preis eines Bike Fittings kein Material für das Bike, was auch nur annähernd so viel Leistungspotential hat, wie die individuelle Sitzpositionsoptimierung.

Vielen Dank für das Interview!

Zur Website von Sporteffekt.

Fotos: triathlon.de, Sven Hindl

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