Cottbus (GER) - Der Cottbuser Extremsportler Marcel Heinig wagt einen neuen Weltrekordversuch. Nur vier Monate nach seinem 4.500 kilometerlangen Fußmarsch vom italienischen Bari ans Nordkap will Heinig vom 9. bis 19. November 50 Triathlons über die olympische Kurzdistanz absolvieren. Dabei müsste er insgesamt 75 Schwimm-, 2.000 Rad- und 500 Laufkilometern runterspulen, allein und ohne Konkurrenz. Gelingt ihm dieses in Mexiko stattfindende Abenteuer, hätte Heinig einen Weltrekord für die Ewigkeit aufgestellt. In seinem Plan stehen täglich 150 Schwimmbahnen im olympischen Becken, 105 Runden á zwei Kilometer mit dem Rad und 50 Kilometer zu Fuß.
Noch Sport oder schon Wahnsinn? Suche nach den Beweggründen
Für den 27-jährigen Heinig ist diese Herausforderung die Suche nach der eigenen Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit. „Ich möchte gern einmal selbst Pionier sein und die Spitze menschlicher Ausdauerfähigkeit verkörpern“, so Heinig, der in den vergangenen acht Jahren ausgiebige Erfahrung im Bereich extremer körperlicher und mentaler Höchstleistung gesammelt hat.
Bereits mit 24 Jahren lief er als einer der jüngsten Menschen der Welt seinen 100. Marathon. Im Jahr 2006 schaffte er den Rekordversuch von zehn Ironmans in zehn Tagen, 2008 gewann er der Weltmeistertitel beim zehnfachen Ironman, dem längsten Triathlon der Welt. Und in diesem Jahr hat er schon den Europalauf auf dem Buckel. Trotz seiner Erfahrung, geht Heinig natürlich mit viel Respekt an dieses Mammutvorhaben und sagt, dass die Müdigkeit sein größtes Problem werden wird. „Der Körper kommt nach jedem Tag sehr schlecht zur Ruhe, der Schlaf ist nicht tief und daher leider nicht gut.
Wenn der Geist den Körper nicht mehr voranbringen kann, dann ist es vorbei“, so Heinig, der auch weiß, dass letztlich die körperliche und geistige Ausdauerfähigkeit über den Erfolg entscheiden wird: „Es sind am Ende die vorn, die mit dem Körper laufen und nicht gegen ihn. Eine Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Mentalität funktioniert noch beim Ironman, aber bei der zehnfachen Distanz scheitert man.“ 3athlon.de fragte nach.
3athlon.de: Deine Vergangenheit steht im kompletten Gegensatz zu deiner Gegenwart. Vom Tellerwäscher zum Millionär oder wie du es sagst: vom Loser zum Triathlon-Weltmeister. Siehst du dich als Loser?
Marcel Heinig: Ja, ich war einer, durch und durch. Große Fresse und nix dahinter. Beim Sportunterricht war ich nicht nur der letzte, der immer gewählt wurde. Nein, die Mannschaftskapitäne stritten noch, wer mich nicht haben wollte. Lieber einen Feldspieler weniger, als einen mehr und den Heinig dabei. Ausdrücke wie fettes Schwein waren dagegen noch harmlos. Diese Situationen hatte ich während meiner Jugend ständig. Solche Erfahrungen brennen sich enorm in die Persönlichkeit ein. Früher war es nicht witzig - heute kann ich davon zerren, wenn es darum geht nochmal alles zu geben.
3athlon.de: Früher warst du der Außenseiter und hattest nicht besonders Freude an deinem Übergewicht. Hat sich die Rolle seit Deinem sportlichen Erfolg gewandelt und ab wann hast Du dies gespürt? Wie nehmen Dich die Menschen heute wahr?
Marcel Heinig: Es hat sich stark gewandelt. Ich finde das tendenziell natürlich gut. Andererseits bin ich aber der gleiche Mensch wie früher und habe die gleiche Persönlichkeit. Also stellt sich doch auch die Frage, warum ich jetzt der Gute bin und früher der Böse war? Ich kann nur an alle appellieren nicht zu oberflächlich zu seinen Mitmenschen zu sein und sie nicht nur anhand ihres Äußeren oder ihrer sozialen oder kulturellen Herkunft zu beurteilen. Jeder hat es verdient mit Respekt behandelt zu werden - auch wenn er mit seinem äußeren Erscheinungsbild gegen die Norm verstößt.
3athlon.de: Wenn man Deinen Lebensweg so verfolgt, dann kommt schnell der Gedanke: Er könnte für viele, die den Kopf im Sand gesteckt haben, ein Vorbild sein. Siehst Du Dich als Vorbild und glaubst Du, dass jeder Mensch schaffen kann, was Du erreicht hast?
Marcel Heinig: Ich hoffe, dass meine Geschichte dazu beiträgt Leute zu motivieren und ihnen einen Impuls zu geben. Dabei muss keiner einen Marathon laufen oder Ironman machen. Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Meine Geschichte und mein Leben zeigt im Kern, dass man mehr kann und dass Begrenzungen meist nur im eigenen Kopf existieren - nothing is impossible!
Erst als ich in meinem Denken abgelegt habe, dass ich sportuntauglich bin, konnte ich mich mit Sport identifizieren und Freude daran finden. So wie der amerikanische Traum vom Tellerwäscher zum Millionär. Wenn man es schafft einmal mehr aufzustehen als man hinfällt, dann kommt man seinem Ziel ein großes Stück näher und wird sein eigener Champion.
3athlon.de: Wie ist aus dem Marathonläufer der Extremsportler Heinig geworden?
Marcel Heinig: Ich glaube, es war der gleiche Antrieb, wie damals vor meinem ersten Marathon. Für mich war der Marathonlauf bis 2003 eine unvorstellbare menschliche Leistung. Die einerseits abschreckte, aber andererseits unendlich faszinierte. Diese Faszination zieht mich jedes Mal erneut in seinen Bann. Egal ob es der 10 Kilometerlauf, der Marathon, der Ironman oder der Europalauf gewesen ist. Für mich ist es mehr als nur Sport. Ich stehe immer vor diesen gigantischen Projekten und möchte sie unbedingt auch selbst bezwingen. Dabei ist immer der Weg das Ziel und es ist vor allem der Erfahrungsprozess an den man sehr viel lernen kann. Während dieser Abenteuer geht man durch Himmel und Hölle. Das sind Eindrücke, die man im normalen Leben sehr selten erhält.
3athlon.de: Du planst im November einen Weltrekordversuch im Triathlon. 50 Olympische Distanz-Triathlons in 10 Tagen, also insgesamt 7,5 Kilometer Schwimmen, 200 Kilometer Radfahren und 50 Kilometer Laufen pro Tag. Wie bist Du auf diese Idee gekommen?
Marcel Heinig: Ich möchte gern den Weltrekord im 10 Tage-Triathlon verbessern. Die Idee des 10-Tage-Triathlon stammt aus dem Jahr 2006. In einem Rekordversuch stellten wir uns der Herausforderung, zehn Ironmans an zehn aufeinander folgenden Tagen zu absolvieren. Neun von 19 gestarteten Athleten erreichten das Ziel, ich als Sechster der Gesamtwertung. Danach war ich überglücklich, der "Hölle von Monterrey" (in der Ultratriathlonszene genannt, Anm. der Red.) entkommen zu sein und wollte niemals mehr zurück.
Im Sommer fragte der Veranstalter, ob ich nicht wieder Interesse hätte. Ich winkte sofort ab. Ich hatte es mir schon in 2006 bewiesen, dass man 10 Ironmans in 10 Tagen schaffen kann. Keine Chance, aber dann fand er meine Schwachstelle: Eine neue Herausforderung! Und er köderte mich, indem er mir gestattete, meine eigenen Ideen zu verwirklichen. In der gleichen Zeit kam ich auf die Idee mit den 50 Olympischen Triathlons. Der Gedanke ließ mich nicht mehr los, und wir machten Nägel mit Köpfen. Ich muss also wieder zurück in die Hölle von Monterrey. Ob ich ihr noch mal entkommen kann, werdet Ihr hier sehen. Es werden zehn lange und vor allem sehr harte Tage. Es kann viel passieren. Eine richtige Erkältung würde mich wohl aus dem Rennen werfen und der Traum wäre geplatzt. Die Wahrscheinlichkeit, dass es klappt, schätze ich auf 50 Prozent.
3athlon.de: Kann das eigentlich jeder erreichen, oder würdest Du Dich als besonders talentiert bezeichnen?
Marcel Heinig: Das kann ich schwer beurteilen, da die individuellen Stärken eines Jeden verschieden sind. Was ich aber ziemlich genau sagen kann ist, dass man sich meist im Kopf zu stark begrenzt. Das ist das alles Entscheidende! Wenn ich mir Dinge nicht einmal in meinen Träumen vorstellen kann, dann werden sie auch nie Realität werden. Wenn ich jedoch fest an mich glaube und mir mein Ziel im Geist visualisieren kann, dann ist mein Traum der Realität ein großes Stück näher gekommen. Ich bin meist vor den großen Wettkämpfen in meinen Träumen schon im Ziel gewesen. Und das nicht nur einmal, sondern mehr als hundert Mal. Ich habe jede einzelne Körperzelle mobilisiert und sie für meinen großen Traum/für das große Ziel begeistert. Wenn das gelingt, dann fällt es gerade bei den Sinnfragen leichter die richtigen Antwort zu finden. Und meist nehmen die Sinnfragen exponentiell zur Wettkampflänge zu.
3athlon.de: Woran denkst Du dabei und wie viele tote Punkte gilt es zu überwinden?
Marcel Heinig: Das ganze ist ein ständiges auf und ab. Zwischen Himmel und Hölle. Manchmal denke ich, dass ich nicht mal mehr den nächsten Kilometer schaffe und kurze Zeit später könnte die Strecke noch viel länger sein. Damit habe ich aber gelernt umzugehen. In den Hochphasen werde ich dann nicht schneller und spiele wilde Sau, auch wenn ich mich so fühle und augenblicklich endlose Motivation und Energie verspüre. In den Tiefphasen muss ich es genau entgegengesetzt steuern. Zudem weiß ich, dass es irgendwann wieder bergauf geht, geduldige mich und denke an schönere Zeiten. Die Fähigkeit des positiven Denkens ist sehr entscheidend! Dann kann man sich auch mit sehr unangenehmen Situationen anfreunden. Zur körperlichen Aktivität kommt also ein permanentes Mentalmanagement dazu. Das lastet den Geist so aus, dass es selbst auf der 2 Kilometer Lauf- und Radrunde nie langweilig wird.
3athlon.de: Wie groß ist Dein Betreuerteam?
Marcel Heinig: Mein Team besteht vor Ort in Mexiko aus einer Hauptbetreuerin: Sandra, die ich aus Deutschland mitnehme und einem Betreuer aus Mexiko, der Sandra bei Schlafpausen oder Einkäufen vertritt. Das Team ergänzt mein Agent Jan Augustin hier in Deutschland, der die Informationen bündelt, die redaktionell bearbeitet und an euch weiterleitet. Ich werde Vorort jeden Tag meine Gedanken auf ein Diktiergerät sprechen, Sandra wird die MP3 zu Jan schicken und der sie bearbeiteten. Zudem wird auch Sandra ihre Eindrücke Jan schildern. Das dürfte ganz spannend werden, da das Tagebuch dann von zwei Sichtweisen: Athlet und Betreuer geschrieben wird.
3athlon.de: Andere Triathleten träumen von Hawaii. War das für Dich nie ein Ziel?
Marcel Heinig: Hawaii ist ein Mythos. Natürlich ist das ein Traum. Die Qualizeiten sind in den letzten Jahren so gut geworden, dass man wirklich Talent benötigt und einen Sportanfang im Kindesalter bei einer der drei Disziplinen. Ich müsste mich ein, zwei Jahre nur auf "kurze Distanzen" konzentrieren. Die langen Kanten machen zwar ausdauernd, aber auch langsam. Wenn ich nur noch auf Schnelligkeit trainiere, dann würde ich es geradeso unter 10 Stunden schaffen. Für die Quali reicht das lange nicht. Ich hätte also den gleichen Aufwand und würde nur von meinen Zielen träumen. So kann ich auch an der Weltspitze mitmischen, aber nicht im Traum, sondern in der Realität.
3athlon.de: Wie bist du eigentlich zum Triathlon-Sport gekommen, und wie hast Du Deinen ersten Triathlon erlebt?
Marcel Heinig: Ich komme vom Laufen, bin aber immer schon zum Ausgleich Rad gefahren und Schwimmen gegangen. Irgendwann lag es nahe, aus dem Ausgleich mehr zu machen und diese beiden Disziplinen ernsthaft zu trainieren. Mein Traum war einmal, einen Ironman zu absolvieren. Ich fand das bis dato unvorstellbar. Wirklich! Ich konnte mir damals nicht vorstellen, wie ich nach dem Schwimmen und sechs Stunden auf dem Rad noch einen Marathon laufen soll. Aber irgendwie waren die Neugierde und der Ehrgeiz doch größer und ich meldete mich zum Ironman Germany 2005 in Frankfurt an. Das Finish war ein Traum. Wohl einer meiner schönsten Finishs. Ich hatte mir diesen Traum, den ich ein Jahr davor noch geträumt hatte, erfüllt.

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