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Roth - Der Challenge Roth Triathlon 2009 lässt einen mehr als fahlen Beigeschmack. Herausragenden sportlichen Leistungen bei optimalen Wetterbedingungen vor toller Fankulisse einer Chrissie Wellington mit einer Weltbestzeit von 8:31:59 Stunden über die offiziellen Streckenangaben von 3,8km Schwimmen, 180km Radfahren und 42km Laufen stehen einmal mehr Drafting bei den Profis und objektiv zu kurze Strecken gegenüber.

Zu kurze Strecken
Die Glaubwürdigkeit der traditionsreichen und derzeit durch innovative Lösungen wie das Staffelkonzept weltgrößten Langstrecke der veranstaltenden TEAMChallenge GmbH, die oftmals Geschichte im Triathlon schreiben konnte ist endgültig verloren. Die Rekorde sind ohne relativierende tausend Wenn und Aber - zum Leidwesen der hart arbeitenden Profis - ihr Druckpapier nicht wert. 2009 am Renntag erfolgte Messungen mit Daten von exakt eingestellten SRM-Radsystemen und GPS-Sportnavigationsgeräten von Profis und Alterklassenathleten bestätigen einmal mehr den Vorwurf zu kurzer Strecken.

Schwimmen im Kanal
Eine Open-Air Veranstaltung, wie ein Triathlon über die Langstrecke unterliegt verschiedenen Parametern, die Einflüsse auf die Geschwindigkeit des Events haben. Klimatische Faktoren, das Regelwerk, technische Neuerungen, Doping und auch die Streckenlängen sind einige Faktoren. Die Schwimmstrecke gilt dabei als leicht zu korrigierende Größe, birgt aber ja nach Setzungstyp und Verankerung der Bojen die Gefahr, dass sich die tatsächliche Länge von den angenommenen 3.800 Metern abweichend verhält. Die Schwimmstrecke im Main-Donau Kanal gilt als traditionell sehr schnell, glaubwürdig und scheint auch 2009 über die korrekte Länge verlaufen zu sein. Darauf deuten die erzielten Zeiten anders, als etwa beim der EM im IRONMAN Triathlon 2008 hin.

Schneller Radkurs mit Kilometerdemenz
Kritischer muss man die Radstrecke von 180 Kilometern betrachten. Kurze knackige Anstiege, lange und leicht abfallende Gefällstrecken in Kombination mit weichen Kurven, die bei versierten Triathletinnen und Triathleten selten den Griff an die Bremsen erfordern, kompensieren nicht die rund 1,5 bis 2,0 Kilometer zu kurz geratene Gesamtlänge. Der Radkurs mit Kilometerdemenz sorgt für eine Ersparnis von bis zu 3 Minuten gegenüber tatsächlichen 180 Radkilomtern.

Lange Draftinggeschichte
Jürgen Zäck (4:14:16, 1999) und Normann Stadler (4:14:42, 2009) halten als stärkste Radfahrer in der Geschichte der Challenge Roth die beiden schnellsten jemals erzielten Radzeiten. Doch schon damals mussten Abstriche in Streckenlänge und Einzelkämpfercharakter gemacht werden: "We've to catch the media vans" war der damalige Schlachtruf unter den Top-Profis aus den Ausland, während sich Thomas Hellriegel und Zäck im Sinne der traditionellen Einzelkämpfer mühsam von hinten ohne jede Begleitung nach vorne kämpfen mussten.

Meist war der Spruch in englischer Sprache zu hören, wenn man die lange Liste der in Roth hinter der Sartlinie stehenden Granden der frühen Jahre im Triathlonsport betrachtet. Tatsächlich verschafften die Medienfahrzeuge einen gewissen Windschatten, weil damals noch nicht die heute üblichen größeren Abstände eingehalten wurden. Wer nicht frühzeitig den Sprung in diesen großen Pulk schaffte, war hoffnungslos verloren.

Auch der IRONMAN in der Schweiz, war bisher eher dafür bekannt recht lax die Draftingregeln - im Feld der Alterklassenathleten - auszulegen. Allerdings gepaart mit einer recht selektiven Strecke und langsamer Gesamtzeit.

DQ beim IRONMAN auf Hawaii
Auf Hawaii, bei den Weltmeisterschaften im IRONMAN Triathlon fiel vor etlichen Jahren Lothar Leder einem Medienfahrzeug einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt zum Opfer: DQ wegen "Pacing" lautete das damalige Urteil, dessen Schuld mehr im Fahrzeugführer und Verantwortlichen des Senders, denn in des in Topform an der Spitze fahrenden Leders lag, dem so vielleicht der ganz große Wurf in Kona misslang.

40 + 0,195 Kilometer = 42,195
Ein Marathon ist 42,195 Meter lang - sollte er, da er sonst kein Marathon ist. Andere Events, wie etwa der IRONMAN in Frankfurt am Main haben ihre Strecken vom DLAV offiziell vermessen lassen und sind damit auch vor dem Leichtathletikverband anerkannt für Bestzeitlisten zulässig. In Roth gibt es ein Vermessungsprotokoll aus Zeiten, als trotz latenter Dopingdiskussion sogar noch Geldpreise auf Rekorde ausgelobt wurden.

Offensichtlich rund einen Kilometer ist die Laufstrecke in Roth zu kurz, damit je nach Leistungsklasse der Profis 4 bis etwas über 5 Minuten.

Zwei handvoll Minuten
In der Summe sind 2009 bei den Profis rund 7 bis 9 Minuten unter den Tisch gefallen: 9 Minuten Zeit für Positionskämpfe, Leiden im Kampf mit dem inneren Schweinehund und feiern vor tausenden von Zuschauern und engagierten ehrenamtlichen Rother Helfern.

Drafting, Stadler der Leidtragende
Der Challenge Roth Triathlon kennt neben den vielen ehrenamtlichen Helfern, die sich für einen Rekord ohne viel Wert aufgerieben haben einen ganz großen Verlierer. Normann Stadler ist von den Kampfrichtern am langen Arm an der Spitze liegend ausgehungert worden, hat aber zahlreiche Fans an der Strecke für sich gewinnen können.

Ganz alleine powerte der Ironman Weltmeister der Jahre 2004 und 2006 des Commerzbank Triathlon Teams und derzeit wohl absolut schnellste Biker auf der Langstrecke einen Rückstand vom Schwimmen egalisierend alleine in die Führung - regelkonform und mit Krafteinsätzen von gemittelt deutlich über 300 Watt.

"Führungsarbeit, Pulk, Arbeitsteilung" - im Triathlon?
Etwas gemütlicher ging es in zwei Verfolgergruppen in diesen Stunden zu. Später sollte sich daraus ein Radpulk zusammenschließen. Beide Gruppen waren deutlich langsamer als Stadler unterwegs und wurden durch untätige Kampfrichter regelwidrig in Abständen von deutlich unter den offiziellen 10 Metern belassen. Real waren männliche Profis im "Feld der arbeitsteilig agierenden Triathlon-Profis" mit 160 Watt unterwegs. Kein Wunder, dass danach eine Bestzeit nach der anderen auf der zu kurzen Laufstrecke erfolgte.

Positiv und zur Ehrenrettung herauszustreichen ist zumindest, dass der spätere Gesamtsieger Michael Göhner in "weiten Teilen" die "Führungsarbeit der Gruppe" geleistet hat. Wie auch der Troisdorfer Olaf Sabatschus seine Gruppe über große Teile anführte. Begriffe aus dem Radsport im Triathlon sorgen für Unbehagen: Pulk, Führungsarbeit, Arbeitsteilung - allesamt Dinge, die im Triathlon im Einzelzeitfahren wenig zu suchen haben.

Sultan vs. Macca
Parallelen zu zwei vergangenen letztlich auch sehr spannenden aber unfairen Rennen der Challenge Roth lassen sich ziehen. Diese beiden Events haben letztlich maßgeblich für das vergiftete Verhältnis zwischen den beiden Protagonisten und Weltmeistern im IRONMAN Triathlon gesorgt: Faris Al-Sultan schlug im Juli 2009 sogar die von Chris McCormack angebotene Hand bei der Ehrung zur EM im IRONMAN Triathlon in Frankfurt am Main aus und sorgte für einen Eklat.

Der Blick auf den Gesamtkontext relativiert das Verhalten:
Al-Sultan führte in zwei Jahren einmal mehr die Challenge vom Schwimmen weg an und fuhr mehrere Minuten vor der Spitze wie üblich in Speedos auf dem Bike und später im Marathon, während sich hinten der irregulär fahrende und draftende Verfolgerbus aus McCormack, Lothar Leder und Timo Bracht auf dem Radparcours bildete. Bracht sollte später bezugnehmend auf dem nach dem Marathon knapp siegreichen Australier McCormack sagen, dass er an "diesem Tag mit Macca viel [in Renntaktik] lernen konnte". In einer späteren Auflage brachte der smarte Australier gleich einen "Pacemaker" mit - so der Vorwurf, den Al-Sultan noch heute stellt und den Macca, der in diesen Jahren mit dem Logo des Hauptsponsors auf der Brust unterwegs war abweist.

Profis am kürzesten Hebel
Den Profis auf der Jagd nach dem Sieg und viel Geld darf man nicht zu große Vorhaltungen machen - die Veranstalter geben die Rahmenbedingungen und Regeln vor. Profis nutzten die vorhandenen Grenzen bestmöglich aus und sitzten auch in der Nachbetrachtung und Kritik am kürzeren Hebel. Oftmals untersagen ihre Verträge öffentliche Kritik am Event und so mancher Profi versucht sich auch in der Triathlonindustrie als Entrepreneur und möchte sich den Weg offenhalten, für einen weiteren Start mit relaistischem Antrittsgeld.

Wellingtons historische Leistung relativiert
Die zu kurzen Strecken in Roth sorgten ähnlich, wie die in der Diskussion stehende Laufstrecke beim IRONMAN Austria für leicht spöttische Blicke und Kommentare der Insider über vergangene Weltbestzeiten und Rekorde einer Sandra Wallenhorst oder Yvonne Van Vlerken. Beide hatten nach 14 Jahren die Marke für die Ewigkeit von Paula Newby-Fraser (8:50:53, Roth, 1994) unterboten - die damals wohl auch auf zu kurzer Strecke unterwegs war.

Nun hat es auch die Britin Chrissie Wellington erwischt. Ohne Frage muss sie als aktuell schnellste Triathleten im IRONMAN Triathlon gelten und steht derzeit unangefochten ganz oben im Olymp der Dreikämpfer. Siege und Rekorde gehen momentan nur über sie.

Ohne Frage hätte die Weltmeisterin den Rother Rekord und die "Weltbestzeit" auch bei korrekten Streckenlängen deutlich unterboten. Dieser Umstand macht daher die Challenge Roth 2009 umso tragischer. Eine Rebekah Keat aus Australien wäre im Jahr 2009 jedoch daran gescheitert. Ihr gehört vielleicht eines der zukünftigen Rennen in den Lavafeldern von Kona oder am Frankfurter Römer.

Besserung in Sicht?
Roth hat das zweite Jahr in Folge eine irreguläre Weltbestzeit generiert, die einer Korrektur durch den Veranstalter um die tatsächlichen Streckenlängen nach unten bedarf. Dies ist Roth seinen Fans und vor allem den Profis schuldig, deren sportliche Leistung zum Kasperletheater verkommt.

Schuldig ist Roth auch eine deutliche Geste an Stadler und Al-Sultan, die mehrfach um bessere Platzierungen und Siege gebracht wurden. Roth ist aber auch eine Stellungnahme gegenüber den Altersklassenathleten schuldig. Die mit vielen neuen persönlichen Bestzeiten in die Heimatorte zurückgekehrt sind und sich nun auch den Diskussionen in den Triathlon-Foren erklären müssen.

Sub 9 und Sub 9:10er Club
Zu kurze Strecken und Drafting sind nicht nur ein Problem in Roth. Auch andere Events - auch der im Frankenland ungeliebten IRONMAN-Konkurrenz - haben zu kurze Strecken oder überzeugen nicht durch korrekte Regelauslegung im Drafting. Doch diese Events werben nicht aggressiv um Weltrekorde und mit Weltbestzeiten, diese Events buhlen nicht um einen Sub9-Club der auf dem Papier oftmals eher Sub 9:10 heißen sollte.

Strecken-TÜV und Co.
Abhilfe schaffen kann neben einer korrigierenden Relativierung der Weltbestzeit mit Angabe der tatsächlichen Streckenlänge zukünftig nur ein Strecken-TÜV, der extrem schnelle Strecken tatsächlich und glaubhaft die korrekte Streckenlänge attestiert. Das mag Gelder kosten, die Glaubwürdigkeit der Sportart kann davon nur profitieren. Im Blick auf die Dopingdiskussion ist die Jagd nach Top-Zeiten und das Ausloben von Preisgeldern für Rekorde schon lange nicht mehr zeitgmäss.

Kampfrichter, die sich nicht nur dem einzuhaltenden Seitenabstand von 2 Metern widmen, sondern aus 5 Meter Draftingbox wieder die regulären Abstände von 10 Metern machen sind auch gerne gesehen, bevor endgültig Zustände wie bei der Half-Challenge Barcelona mit großen Rad Touristik Gruppen grassieren. Lassen die vollgestopften Kurse kein Fahren ohne Drafting mehr zu, muss die Legislative endlich die antiquierten Regeln mit allen Konsequenzen über Bord werfen und Draftathlon machen - so schwer die Traditionalisten daran schlucken mögen.

Mich persönlich widert das Drafting und die Heuchelei im Ziel - auch auf Wald- und Wiesenwettkämpfen schon lange an und ist ein Grund, warum ich immer weniger Rennen mache. Wo nicht der Sport über das Ergebnis entscheidet, sondern die verantwortungsvolle Haltung der Ausrichter und die Laune der Kampfrichter bleibt der Sport leider bei der gezeigten Moral der Sportler auf der Strecke. Ich will keine Hände schütteln und Schultern im Ziel eines Drafters klopfen müssen.

We are triathlon
"We are triathlon" sollte in Roth wieder einen echten sportlichen Wert erhalten und nicht zur Zirkusnummer verkommen. Das hat Roth eigentlich gar nicht nötig. Dann, ja dann schreibe ich auch wieder gerne ausführlich, "blumig" und mit Herzblut und Freude über Roth: R.I.P.
(Kai Baumgartner)

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