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München - Schwere Vorwürfe erschütterten im Oktober die Landespräsidenten der Deutschen Triathlon Union. Die DTU, dessen Führung sich im Wahlkampf zur Nachfolge von Präsident Rainer Düro befand, erhielt ein brisantes Schreiben - vollgestopft mit schweren Dopingvorwürfen.

Dr. med. Martin Engelhardt, Osnabrücker Ehrenpräsident der DTU hatte ein Gedächtnisprotokoll mit vertraulichen Kennzeichnung an die DTU-Geschäftsstelle versandt. Das Schriftstück des Orthopäden belastet den Olympiazweiten Stephan Vuckovic schwer, weil dieser Dritten gegenüber EPO-Doping zugegeben haben soll. Ausdrücklich war die Weitergabe an die Landesverbände, Dritte und insbesondere Stephan Vuckovic selbst verboten. Die Geschäftsstelle leitete im kopflosen Machtkampf das Schreiben aber augenscheinlich direkt an die Landespräsidenten, wo es im Rahmen einer „stillen Post“ seine Arbeit im Vorwahlkampf verrichtete.

Vuckovic selbst zog kurz vor der Wahl eines für die wenige Wochen später folgende DTU-Wahl wichtigen Landesverbands  seine eigene Kandidatur für die Landespräsidentschaft zurück („die haben mir Druck gemacht“), wurde aber trotzdem in den Vorstand von Baden-Württemberg gewählt.

Mittlerweile hat das Schriftstück, dessen Inhalt 3athlon.de seit einigen Wochen vorliegt, den Weg in die großen Zeitungen gefunden. Die Süddeutsche Zeitung hat im Internet einen zweigeteilten Bericht am Freitagabend veröffentlicht.

Legionelleninfektion als Auslöser eines Totalausfalls
Rund ein Jahr nach der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney, als Triathlon erstmals vertreten war, musste Vuckovic  bei der EM im olympischen Triathlon im tschechischen Karlsbad mit hohem Fieber von den betreuenden DTU-Ärzten Dr. med. Andreas Marka und DTU-Präsident Dr. med. Klaus Müller-Ott in ein Bayreuther Krankenhaus gefahren werden.

Dort wurde ein schweres Leber- und Nierenversagen festgestellt. Vuckovic selbst gab für diese lebensbedrohliche Erkrankung  später eine Legionelleninfektion als wahrscheinliche Ursache und tatsächlich belegbare Diagnose an. Er musste sich über etliche Monate auf das alte Leistungsniveau zurückkämpfen.

Mediziner Marka und Müller-Ott mit Dementis
Für die beiden Mediziner soll nach Darstellung der Zeitung, die sich auf das Gedächtnisprotokoll von Engelhardt stützt, allerdings verunreinigtes  EPO Vuckovics Zustand bedingt haben. EPO, das stets mit Spritzen dem Körper zugeführt werden muss, soll Vuckovic selbst beigeführt und dies auch eingeräumt haben.

Diese Version bestätigt allerdings keiner der beiden Mediziner. Engelhardt selbst dürfte das Verhalten von Müller-Ott als Retourkutsche für die eigene aktive Rolle beim Sturz Müller-Otts aus dem Präsidentenamt vor wenigen Monaten werten. Warum Marka indessen Abstand von den angeblich getätigten Aussagen nimmt, erschließt sich derzeit nicht und wird wohl die Gerichte beschäftigen. Marka selbst ist seit wenigen Wochen nicht mehr für die Antidopingkommission (ADK) der DTU zuständig. Sein Nachfolger ist der Heidelberger Prof. Dr. med Friedhelm Raue.

Auch Arndt Pfützner, Chef des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaften (IAT) in Leipzig dementiert als zitierter ehemaliger DTU-Vize die Darstellung von Engelhardt deutlich gegenüber der Süddeutschen.

Politisches Bauernopfer?
Vuckovic erklärte bei Recherchen von 3athlon.de über den Machtkampf um die DTU-Präsidentschaft und die zuvor ablaufende Wahl zum Präsidenten des großen Landesverbands in Baden-Württemberg und seinen Rücktritt von der Kandidatur: „Hier wurde ein politischer Anschlag verübt, um mich daran zu hindern BWTV-Präsident zu werden.“ Vuckovic, der starken Einfluss auf die Wahl der neuen DTU-Präsidentin Claudia Wisser hätte nehmen können ist sich sicher ein politisches Bauernopfer zu sein.

Der Silbermedaillengewinner von Sydney lieferte damals gegenüber 3athlon.de die weitere Begründung, warum er öffentlich untätig blieb. „Aus Rücksicht um den Verdienst von [Olympiasieger] Jan [Frodeno]“ habe er bis auf weiteres die „Füße stillhalten“ wollen, „um ihm und dem Sport nicht zu schaden. Bei Veröffentlichung werde ich mich aber wehren“ fügte er an.

Auf der eigenen Website schlug er in diesem Sinne einen weit diplomatischeren Kurs ein: „Vor ein paar Monaten war es eigentlich angedacht, dass Vucko die Präsidentschaft der BaWü-Triathlonverbandes übernimmt. Da sich jetzt aber die berufliche Situation von Susanne Mortier [alte und neue Präsidentin des BWTV] geändert hat, ist es ihr weiter möglich dieses Amt auszuüben. Daher hat Vucko das Amt der sportlichen Leiters übernommen.“

Im gleichen Absatz ergänzt er in wörtlicher Rede zusätzlich: „Der Sport hat mir sehr viel in den letzten Jahren gegeben, daher will ich jetzt etwas zurückgeben. Ich glaube, dass es jetzt auch an der Zeit ist, dass aktive/ehemalige Athleten Flagge zeigen und sich für ihren Sport einsetzen“.

Vuckovic, der derzeit in Israel weilt und seit wenigen Wochen für den Sport im BWTV Verantwortung trägt, vermutet ein politisches Ränkespiel, das nicht „ohne Folgen für die Beteiligten bleiben wird.“

Engelhardt weiterhin mit starker Rolle im Verband
Wie der Disput auch enden wird. Die Triathlonführung hat es erneut nicht geschafft, Probleme intern zu lösen und noch immer thront der große Einflüsterer und Intimfeind des scheidenden ITU-Präsidenten Les McDonald in Person von Martin Engelhardt über dem ganzen Verbandsystem in Deutschland und zieht seine Fäden.

Schon im Jahr 2007 setzte der Gründungspräsident mit  gezielten mündlich vorgebrachten und im Nachhinein offensichtlich verfälschten Zitaten das Sahnehäubchen zur moralischen Solidarität der Landespräsidenten bei der Absetzung seines Nachfolgers Dr. med. Klaus Müller-Ott. Leider konnte nicht geklärt werden, wer für die Engelhardt zugetragenen Passagen mit den als persönliche Diffamierungen empfundenen Ergänzungen verantwortlich war.

Vuckovic 1996 in die Elite vorgestoßen
Vuckovic durchbrach 1996 erstmals international beim ITU Weltcup  im kanadischen Drummondville  den Nebel, als er mit Platz 2 hinter dem späteren ITU-Weltmeister und WTC-Weltmeister Chris McCormack aus Australien belegte. 1997 belegte er den gleichen Platz bei der EM im finnischen Vuokatti. 2000 folgten auf dem anspruchsvollen Laufkurs von Sydney beim Test-Weltcup und  später bei der olympischen Premiere des Triathlons erneut zweite Plätze. Nach dem Qualifikations-„Aus“ zu den Spielen von Athen 2004 überzeugte Vuckovic in seinen Premieren-Ironman im kanadischen Penticton mit Silber, um im gleichen Jahr starker Zehnter bei der WM im Ironman zu werden.

Den Makel des „ewigen Zweiten“ schüttelte „Vucko“ 2007 mit dem Sieg beim Ironman Florida ab.

Nähe zu Springstein
Die Nähe zum umstrittenen Leichtathletiktrainer Thomas Springstein brachten Vuckovic und seiner damaligen Lebensgefährtin Dopingvorwürfe ein.

Eine Hausdurchsuchung beim derzeit erneut vom Heidelberger Molekurbiologen Prof. Werner Franke beschuldigten Trainer Springstein im Jahr 2006 förderte eine E-Mail zutage. Die Deutsche Triathlon Union eröffnete auf Basis dieser belastenden E-Mail zwischen Springstein und dem spanischen Arzt Dr. Miguel Peraita ein Untersuchungsverfahren gegen Vuckovic, schloss durch die Antidoping Kommission den Fall aber Anfang 2007 ohne weitere Sanktionen oder einen Schuldspruch.

Folgt die Neuaufnahme einer Untersuchung, DTU überlastet?
Neben den anstehenden Klagen der Betroffenen gegen Engelhardt wird sich Vuckovic selbst einer weiteren Untersuchung durch die NADA und möglicherweise der Antidoping-Kommission der DTU ausgesetzt sehen.

Als Begründung, warum die nach eigenen Angaben dem strikten Kampf gegen Doping verpflichtete DTU dem Schreiben nicht früher nachging entgegnete die amtierende DTU-Präsidentin Claudia Wisser in der Süddeutschen trotz Kenntnis des Vorgangs Mitte Oktober mit zahlreichen „Baustellen“ im Verband. Wisser selbst hat erst vor wenigen Tagen dem Geschäftsführer fristlos gekündigt und damit weitere Kompetenzen auf ihre Person konzentriert. Sie sieht den Fall Vuckovic als grundsätzlich nicht verjährt an.

Noch vor wenigen Monaten führte ihre Expertise als damalige Vize-Präsidentin und Juristin zur Einstellung einer anderen Untersuchung wegen Verdachts auf Doping gegen den Darmstädter Triathleten Lothar Leder. Rainer Düro, damaliger Präsident der DTU soll nach neuerlicher Bewertung des Sachverhalts auf die Fehleinschätzung der Sachlage von Wisser verwiesen haben.

Die DTU hat sich mittlerweile der Schiedsgerichtsbarkeit des DIS (Deutsches Institut für Schiedsgerichtsbarkeit e.V.) in Doping- und Rechtsfragen unterworfen und vertritt in der Sache Leder auch die damals offensichtlich extern herangezogenen Juristenmeinungen, die zur Einstellung des Verfahrens geführt haben sollen.
(Kai Baumgartner)

Das Gedächtsnisprotokoll der Süddeutschen Zeitung:

"I2000 fiel die sprunghafte Leistungssteigerung unseres Nationalkaderathleten Stephan Vuckovic auf. Er war der einzige Nationalkaderathlet, der seine Vorbereitung größtenteils eigenständig organisiert hatte. Bei den Olympischen Spielen in Sydney gewann der Athlet dann überraschend im Triathlonwettbewerb der Herren die Silbermedaille. Über dieses Ergebnis hatten wir uns zunächst alle riesig gefreut.

Bereits nach meiner Rückkehr von den Olympischen Spielen 2000 bekam ich vom Direktor des IAT Leipzig, Herrn Prof. Dr. Pfützner den Hinweis, dass bei der sportwissenschaftlichen Analyse der Leistungsentwicklung im Triathlon die sprunghafte Leistungsentwicklung von mindestens 4 der 6 Medaillenträger im Triathlon nicht zu erklären sei. (...).

Damals wurden keine Kontrollen auf Epo durchgeführt. In den mittlerweile vergangenen acht Jahren wurde jedoch eine Vielzahl der unter den ersten Zehn platzierten Athletinnen und Athleten des Epo-Dopings überführt, darunter auch die damalige Olympiasiegerin aus der Schweiz.

Bei der Triathlon-EM 2001 in Karlsbad kam es dann zu einem Zwischenfall. Ich war bereits im März 2001 als Präsident der Deutschen Triathlon Union von meinem Amt zurückgetreten. Von der Europameisterschaft erhielt ich dann einen Anruf meines Nachfolgers, Herrn Dr. Klaus Müller-Ott. Er teilte mir mit, dass es bei dem Athleten Stephan Vuckovic zu einem medizinischen Zwischenfall gekommen sei. Er hätte notfallmäßig auf einer Intensivstation wegen drohendem Leber- und Nierenversagen behandelt werden müssen. In der kritischen Situation, als die Ärzte sich nicht die Ursache für dieses Leber-Nierenversagen erklären konnten, wurde der Athlet von den behandelnden Ärzten mit der Ernsthaftigkeit konfrontiert. Daraufhin gab der Athlet zu, dass er sich offensichtlich verunreinigtes oder kontaminiertes Epo gespritzt habe. Der Vorgang wurde mir auch von dem damals betreuenden Mannschaftsarzt, Herrn Dr. Andreas Marka, bestätigt (diesen Satz zog Engelhardt am Freitagabend aus Beweismangel zurück,d. Red.).

Der damalige Präsident der Deutschen Triathlon Union entschied dann, den Athleten aus der Nationalmannschaft zu nehmen. Unter den Beteiligten wurde Stillschweigen vereinbart. Der Athlet erklärte dann in der Öffentlichkeit, dass er eine Legionellenkrankheit erlitten habe."

Quelle: Südddeutsche und ein begleitender ausführlicher Artikel mit weiteren Informationen.

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