Wien (Österreich) - Um die Beweggründe des unter den Verdacht der Weitergabe von Dopingsubstanzen (EPO) stehenden Wiener Kinderarztes Andreas Zoubek besser verstehen zu können, sollte man vielleicht die Erkenntnisse der letzten Stunden und das Internet das nicht immer so schnell vergisst, wie es den Anschein hat, bemühen.
Mit Normann Stadler hat sich der bisher prominenteste Triathlet geoutet und damit Zoubek schwer belastet. Zoubek habe ein in Stadlers Augen unmoralische Angebot mit klarer Dopingabsicht an den zweifachen Ironman Weltmeister aus Deutschland herangetragen. Was treibt einen Kinderarzt zu solchen Handlungen an, der sich der Krebsbekämpfung und der Forschung von EPO als geeignetes Mittel zur Krebstherapie bei Kindern gewidmet hat? Wie kam es dazu, dass der 51-jährige, ehemals übergewichtige Ex-Fußballspieler eine ganz eigene Position und Sichtweise der Welt einnahm und diese Haltung auch öffentlich unter dem Pseudonym „Iron Doc“ im Internet postulierte?
In einem der zahllosen Beitrage auf der österreichischen Plattform Bikeboard verdichtet sich im August 2007 die Diskussion eines Dopingfalls der Altersklassenwertung von Roth zu knappen Aussagen. Ironman-Finisher Zoubek postuliert die Freigabe von den meisten leistungssteigernden Mitteln für den Profisport, sofern sie nicht „harte Drogen“ seien, die eine „Fremdgefährdung“ Dritter durch den gedopten Athleten bedeuten würden. Der Schnellnachweis wird gleich mitgeliefert. „Streifenschnelltest(s)“ sollen binnen Minuten die Sauberkeit des Sportlers klarstellen.
Grundsätzlich vertritt Triathlet Zoubek die Ansicht, dass im Profisport die Gesundheit des Körpers nicht im Vordergrund stehe, daher der Beruf per se ungesund sei und bestimmte derzeit verbotene Dopingsubstanzen hingegen vor „Verletzungen“ schützen würden. „Schon mal daran gedacht????“ führt er in einem Posting weiter aus, ohne aber im gleichen Satz auf die Nebenwirkungen und hohen Risiken zahlreicher Einzelpräparate oder Kombinationen verschiedener Mittel auch nur im Ansatz hinzuweisen.
Die Geschichte des Spitzensports pflastern genug Tote, die mit plötzlichem Herzinfarkt oder Schlaganfall, Krebs und Kreislaufkollaps weit vor dem Altersschnitt die Bühne des Lebens verlassen haben. Zum Teil sogar ohne das eigene Wissen wurden sie vollgepumpt - durch Fremdbestimmung totalitärere Regime, ehrgeizigen Eltern, Trainern und auch Seilschaften innerhalb der hochgelobten demokratischen Systeme, die dem Klassenkampf scheinbar vieles unterordneten.
Die Gefahren des Hinabgleitens aus den Grauzonen des Sports, zwischen Multivitaminpillchen, Salben und Pasten, Aspirin, Koffein und allerlei Hausmittelchen bis zum knallharten Doper verdienen einen gesonderten Kommentar mit dem deutlichen Hinweis an Industrie, Trainer und Familie frühzeitig klare Grenzen aufzuziehen, da jede Art von Substitution die Schwelle zum Doping erniedrigen kann. Danach folgt sehr oft im Hochleistungs-Ausdauersport nach der Karriere als Endorphin-Junkie der griff zu gängigeren Drogen und Muntermachern, um eine ermattete Seele in einem ausgelaugten Körper auf Trab zu halten.
Für den („gesetzlich unmündigen“) Jugend- und Altersklassenbereich spricht sich Zoubek in der seiner Ansicht „übliche(n) Anti-Doping Diskussion im Kindergartenstil“ aber eindeutig gegen die Manipulation aus, bleibt aber letztlich für den Bereich der mündigen Altersklassensportlers inkonsequent. Doping im Sinne einer „Verletzungsprophylaxe“ würde man, wenn die Nachverfolgung Zoubeks Gedanken gestattet sei, gerade bei den Altersklassensportlern Sinn machen: Sie sind es schließlich, die ihren Kalender vollgepackt, den Spagat zwischen Beruf, Familie und sportlicher Selbstverwirklichung wagen müssen - ohne auf das volle Arsenal von teuren und zeitaufwendigen Regenerationsmaßnahmen zurückgreifen zu können.
Ebenfalls keine Beachtung findet das vor allen in den USA wichtige Thema der Selbstbestimmung. Warum wird nicht die provokante Frage aufgestellt, dass ein Spitzensportler sich zwar im nahezu 24-stündigen Rhythmus via ADAMS, dem Online-Meldesystem der WADA, verfügbar halten muss aber kein Recht hat seinen Körper auch im Krankheitsfall bestmöglich zu schützen, mit dem für manche angenehmen Nebeneffekt der Leistungssteigerung und des Missbrauchpotential durch wohlfällige Krankschreibungen?
Einen kleinen Schritt weitergedacht stecken wir mitten im Thema des wissenschaftlich sehr konträr diskutierten Anti-Agings, einer potentiell und bald schon nominell „Multi-Milliarden Dollar“-Industrie mit unfassbaren Gewinnspannen. Darf ein Profi als Hochleistungssportler, der Leistungssport des klassischen Kaderwesens und auch der Altersklassensportler kein Anti-Aging mit Hormonen, Tinktürchen, heiligen Wässern und geheimen Kräutern und Ritualen treiben? Aktuell lautet die Antwort in vielen Bereichen „Nein“.
Folgt man dem Postulat Zoubeks nach „Freigabe“ für Profis, dann bleibt nur noch Zirkus übrig. Wenn wir Zirkus wollen, mit Mutanten, dann ist Zoubeks Weg vielleicht der richtige Weg. Auf der Strecke bleibt letztlich spätestens dann der olympische Gedanke, der sportliche Wettkampf in Reinform.
Haben wir den Zirkus nicht schon in aller Deutlichkeit bei den olympischen Spielen von Beijing sehen dürfen? Wann erfolgt die Nachuntersuchung der erst kürzlich nach Lausanne in der Schweiz überführten Proben und welche Nachweismethoden werden eingesetzt? Zoubeks Weg mit dem Ruf nach Freigabe ist vielleicht nicht der beste Weg, aber in letzter Konsequenz der ehrlicherer Weg, weil mit heruntergelassenem Visier gekämpft wird und wie auch sonst im Sport neben genetischer Disposition, gutem Training und erstklassiger Förderung auch der technologische Fortschritt siegentscheidend sein wird.
Zoubek ist wahrlich nur die Spitze des Eisberges eines bigotten Systems aus Doppelmoral, politischer und industrieller Nutzung des Sports und plumper Manipulation. Wer will aber diesen gedopten, genetisch gepantschten und manipulierten Sport - um Lichtjahre entfernt vom ursprünglichen Ideal...?
(Kommentar von Kai Baumgartner)
Links
Exemplarisches Posting von Iron Doc (Andreas Zoubek)
Artikel und Diskussion im Forum

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