Stephan Vuckovic (GER) gilt seit seinem spektakulären Vizetitel bei den Olympischen Spielen von Sydney noch immer als erfolgreichster Triathlet auf der Kurzdistanz aus der Kaderschmiede der Deutschen Triathlon Union. Früh hat sich der Silbermedaillengewinner vom Verband gelöst und spätestens nach dem Verpassen der Nominierungskriterien für Athen dem Ironman Triathlon zugewandt.
Spektakulär konnte er sich beim Ironman Canada im August 2005 auf Platz 2 vorlaufen, um nur zwei Monate später in Kona mit deutliche sichtbarem Übergewicht in die Top 10 zu stürmen. In Frankfurt lief es 2006 nicht so gut. Was hat der Mann mit dem Kopftuch 2006 auf dem Kasten?
3athlon.de: Stephan, das Ergebnis von Kona 2005 hat Dir wohl geschmeichelt? Gerüchten zufolge warst Du aber dieses Jahr noch lange im Frühjahr nicht in optimaler Gewichtskonstitution und in Frankfurt hat man vergeblich auf die Top-Performance gewartet.
Stephan Vuckovic: Ich habe viel Zeit bis zu meinem ersten Höhepunkte in Frankfurt gehabt und bin mit der Tagesperformance durchaus zufrieden. Es spiegelte den Saisonverlauf wider. Ich bin beim Schwimmen vorne raus und konnte mit allen entscheidenden Athleten mitfahren. Normann steht dabei außen vor, der repräsentiert eine andere Liga auf dem Rad – ihn zu halten war nicht meine Zielstellung.
Beim Laufen habe ich dann ernsthafte Probleme bekommen. Auf den letzten 15 Kilometern verlor ich rund 40 Minuten auf die anderen Pros. In der Nachanalyse denke ich, daß es mit dem Mineralhaushalt zusammenhing. Wenn es energetisch nicht geht fühlt sich das völlig anders an - das kenne ich. Bei jedem Schritt hatte ich heftige Schmerzen und Krampfneigung. Mit dem 12. Platz in der Ergebnisliste bin ich nicht zufrieden, das Rennen an sich wie gesagt relativ gut. Einige Dinge konnte ich vorher im Training ausprobieren, andere erst im Rennen. Das war erst mein 3. Ironman, ich lerne noch. Erfahrung ist sehr, sehr wichtig…
3athlon.de: Du hast Dich für den Hawaii Ironman mit Thomas Hellriegel auf Lanzarote vorbereitet. Findet ein reger Knowhow-Austausch statt? Werden gegenseitig Tipps ausgetauscht?
Stephan Vuckovic: Ich frage viele andere Athleten, natürlich auch Thomas. Vor Hawaii und Frankfurt habe ich sehr lange mit Stefan Holzner telefoniert. Ich habe ihn regelrecht ausgefragt. Ich schaue auch immer, was andere Top-Athleten machen. So war auch Wolfgang Dittrich aus der Wittener Zeit immer ein Ansprechpartner und einige Sachen sind hängengeblieben, die auch jetzt ihre Gültigkeit noch nicht verloren haben. Vor allem mit dem Essen ist das eine Wissenschaft für sich. Da muß jeder sein eigenes Rezept herausfinden.
3athlon.de: Normann Stadler achtet sehr in der heißen Phase vor dem Ironman auf seine Ernährung. Aktuell soll er, wie Triathlete Magazine USA aus verläßlicher Quelle berichtet auf „jegliche“ Cookies und Süßigkeiten verzichten. Aktuell siehst Du durchaus fit aus. Wie ist die Vorbereitung gelaufen, wie hältst Du es mit dem süßen Leben?
Stephan Vuckovic: Süßigkeiten esse ich generell nicht. Nach Kanada war ich total ausgelaugt und habe wirklich alles in mich reingestopft, was süß und fettig war. Ich hatte ständig Bock auf Schokolade, das kenne ich sonst gar nicht. Ich bin tatsächlich mit unglaublichen 79 kg, also einigen Kilogramm Übergewicht in Kona aufgelaufen
In Frankfurt war ich gegen Ende tierisch aufgeschwemmt. Möglicherweise hängt das mit dem Mineralhaushalt zusammen. Mit 76 kg war ich da ganz gut in Form. Aktuell habe ich 74 kg und lege evtl. noch max.2 Pfund dazu.
3athlon.de: Nach Frankfurt hat es Dich zeimlich übel erwischt. Was ist passiert?
Stephan Vuckovic: Etwa zwei Wochen nach Frankfurt war ich mit dem Auto von einer Veranstaltung der ENBW auf der Heimreise und wollte bei einem Unfall das Warndreieck eines Beteiligten aufstellen. Auf dem schmalen Streifen neben der Straße bin ich dummerweise in ein zugewachsenes Loch getreten und es hat mich dann ziemlich erwischt. Ich merkte sofort „das war’s mein Freund. Da ist was kaputt gegangen!“ Die Bänder waren schließlich in Mitleidenschaft gezogen und die Kapsel kaputt. Entscheidend war, daß ich sofort mit der Therapie begonnen habe, um eine stärkere Einblutung zu verhindern. 3 Wochen war an kein Lauftraining zu denken und das Schwimmen bereitete mit dem Beinschlag noch länger Probleme. Nach rund einer Woche war Spinning möglich. Vor 2 Monaten hätte ich aber nicht gedacht, daß ich in dieser Form an den Start gehen kann.
3athlon.de: Die einhellige Meinung von 3athlon.de für eine positive Rennprognose für Dich ist der Fortschritt auf dem Rad. Kannst Du in Prozent ausdrücken, ob Du Fortschritte im Vergleich zum letzten Jahr um diese Zeit machen konntest? Hast Du im gemeinsamen Training mit Thomas Hellriegel die entscheidenden Radkilometer auf Lanzarote einfahren können, um nach gutem Schwimmen in der Gruppe der ganz Großen möglichst lange mitfahren zu können?
Stephan Vuckovic: Ja, auf dem Rad bin ich qualitativ sehr hochwertig gefahren. Sehr viel Umfang war das eigentlich nicht. Das Problem ist, ich weiß noch nicht was man im Training fahren können muß, um daraus eine Prognose für den 21. Oktober ableiten zu können. Bei den Rennen im Weltcup hätte ich das eine Woche vorher sagen können. Das ist ja erst mein 4. Ironman. Ich hoffe ich kann vorne dranbleiben.
3athlon.de: Auf dem Rad kann es also durchaus passen. Welche Renntaktik hast Du für die anderen Disziplinen. Was hast Du aus dem Jahr 2005 von der Westküste Big Island’s mit nach Stuttgart nehmen können? Gibt es eine Essenz aus Kona in ein bis zwei Sätzen?
Stephan Vuckovic: Ich möchte den ersten legalen Gruppenexpress mit allen Favoriten erwischen. Faris wird dann Weg sein und ich werden nich mit Normann fahren können, wenn er wie zu erwarten wie ein Moped vorbeirauscht. Die Gruppe um Brown und Co. möchte ich schon erwischen und halten.
3athlon.de: Welche Prognose möchtest Du in Platzierungen ausgedrückt abgeben? Was erwartest Du von Dir selbst?
Stephan Vuckovic: Hintenraus beim Laufen und auch schon auf dem Rad sind letztes Jahr arg viele verreckt. Als wir aus Hawi gekommen sind mit Reid, Reboul, mir und Cameron Brown und dem Rest vom Rattenschwanz hintendran wußte ich nicht, was gleich passieren würde.
Bei Radkilometer 40 hatte ich nur 1 Minute Rückstand auf Peter Reid, 70 Kilometer weiter waren es 9 Minuten! Peter hat wirklich eine regelrechte Attacke gefahren, um die Chance zu wahren Faris den Titel abzujagen. Cam [Cameron Brown] hatte 5 Minuten und war wohl dann nicht so angeknockt, wie Reid. Ich habe während des Angriffs gesehen, daß Reboul hochgeht und ich habe zu mir Greenhorn gesagt, daß ich ‚nen Teufel tun werde und Peter hinterher marschieren. Der erste war Cam Brown, da war Reid aber schon weg.
3athlon.de: Was haben die Langdistanzathleten denn beim Rad so drauf?
Stephan Vuckovic: Manchmal frage ich mich, wenn ich so manche Aussage bezüglich der Kurzstrecke höre, ob sie ein solches Rennen in den letzten Jahren aktiv mitgestaltet haben. Im Weltcup geht ganz schön die Post ab. Ich habe auch noch nie einen Marathonläufer über einen 5000 Meter-Mann sagen hören, er könne nicht laufen. Im Triathlon hört man das immer wieder, daß die Kurzstreckler nicht fahren können. Kein Kurzstreckler äußert sich öffentlich, daß die Langstreckler auf den kurzen Strecken weder im Wasser, noch zu Fuß eine Gefahr darstellen - für’s Frauenfeld vielleicht.
Die Kurzstreckler können evtl. keine 180 km im Einzelzeitfahren in konkurrenzfähiger Zeit zurücklegen. Das ist aber auch nicht ihr Geschäft. Sie müssen kurz hintereinander Antritte weit über 1000 Watt verkraften und dabei noch genug Energie sparen, um 10 km um die 30 Minuten zu laufen.
Hier werden also immer Äpfel mit Birnen verglichen. Das geht wohl noch auf dem Kampf zwischen den Strecken zurück und wird halt noch immer gepflegt.
3athlon.de: Doping ist ein wichtiges Thema im Triathlon. Du hast wie auch andere Triathleten auf der Olympischen Distanz ein kurz Zeitspanne mit Thomas Springstein zusammengearbeitet. In diese Phase fällt der größte Erfolg. Bereust Du die Zusammenarbeit jetzt, weil immer dieser Makel Springstein daran kleben wird? Uns ist durchaus bekannt, daß Du niemals in den zahlreichen Prüfungen positiv getestet wurdest und Herr Springstein vor allem durch sehr hartes Training bekannt ist. Aber eben auch durch eine „dehnbare“ Auslegung der Ansichten über verbotene und erlaubte Substanzen und Methoden im Sport.
Stephan Vuckovic: Ich profitiere noch immer von einigen seiner sauberen Trainingsinhalte. Es war rückblickend sehr hartes und intensives Training. Was da jetzt alles hochkam hat mich richtig geschockt. Es hat immer gute und schlechte Leute. Wie viele deiner Kollegen deiner Schulzeit sind jetzt „gut“ oder „böse“. Bist du dann automatisch auch dazuzuzählen?
„Neid ist die höchste Form der Anerkennung.“ Da ist was dran.
Gut, von seinem [Springstein] Krafttrainings- und Athletik Know-how im Bereich der Belastungsrhythmen profitiere ich noch immer. Auf der Langdistanz natürlich weniger. Die Zusammenarbeit bereue ich nicht. Ich war damals und heute sauber und das ist entscheidend. Wenn man Erfolg hat ist der Neid da, das verstehe ich. Die Leute suchen halt auch das Haar in der Suppe. Ich bin lange vorne dabei und immer kontrolliert wurden. Seit 1996 bin ich bis jetzt beständig dabei. Letztes Jahr Top 10 in Kona, 2. in Kanada bei meiner Premiere im Ironman, 1997 Vize-Europameister, 1996 2. Im Weltcup im kanadischen Drummondville.
Faris [Al-Sultan] hat mit vor einiger Zeit gesagt, er hätte als er mich 2002 gesehen habe nicht an mein Comeback nach meiner Krankheit [Legionelleninfektion] geglaubt. Davor hat er Respekt.
Man muß den richtigen Weg finden: Auf welche Reize reagiert mein Körper gut oder welche sollte man unterlassen. Ich nehme von jedem Trainer das Positive und auch das Negative mit und versuche immer zu lernen. Am meisten lernt man aus Fehlern. Frankfurt war primär zum Lernen, um dann hier in Kona die entscheidenden Fehler zu vermeiden.
3athlon.de: Hältst Du einen offensiven Umgang der Profis mit dem Thema Doping für sinnvoll? Sollen sich die augenscheinlich „sauberen“ stärker von den Betrügern distanzieren?
Stephan Vuckovic: Auf alle Fälle ist ein offener Umgang sinnvoll. Manchmal wird es in den allgemeinen Medien heftiger dargestellt als es ist. Ob man sich distanzieren soll bin ich mir unsicher. Nehmen wir das Beispiel Rutger Beke, dem ich glauben schenken mag, daß er unschudlig ist. Hätte man sich von ihm distanzieren sollen? Ich wehre mich gegen Vorverurteilungen, auch wenn die Diagnostik im ersten Blick korrekt sein sollte. Aber ist die EPO-Diagnose nicht nach diesen Testresultaten erneut verfeinert und überarbeitet worden?
Der Radsport hat ein sehr viel größeres Problem. Muß man Gottseidank sagen, daß wir noch nicht so viel Geld im Spiel haben? Geld macht alles anfälliger – im ganzen Leben, also auch im Sport.
Letztes Jahr als ich nicht in Topform war bin ich in die Top 10 gerutscht. Wenn es dieses Jahr deutlich schlechter wird und ich bei gutem Rennverlauf mehr als 30 Minuten auf den Sieger bekomme, würde ich mir diesbezüglich vielleicht mal Gedanken machen. Ich denke, daß der Sieg durch normales Training machbar ist.
Es werden einige hochgehen in diesem Jahr, von daher sollte Top 10 für mich möglich sein. Mein Top-Favorit ist Cameron Brown. Ihm würd’ ich es gönnen, nach den vielen Plätzen auf dem Podest. Ich weiß nicht, wie Faris und Normann mit dem Rummel in diesem Jahr zurechtgekommen sind. Haben sie das gut weggesteckt, sind sie vorne dabei. Beke kann sicher auch vorne sein.
3athlon.de: Zurück nach Kona, wie kommst Du an diesem manchmal surrealen Ort zurecht? Schon akklimatisiert?
Stephan Vuckovic: Akklimatisiert bin ich halbwegs. Der Ort ist supergeil! Wenn man sich alleine unseren Interviewort hier am Montagmorgen anschaut und gleich an der Schwimmstrecke springen die Delphine und drehen um die Achse – Wahnsinn! Ich habe auch meine erste Schildkröte am Pier gesehen. Schon beim Ausstiegen aus dem Flieger hat man ein Hochgefühl!
3athlon.de: Hast Du Demut vor der Insel, wie es Faris Al-Sultan, Peter Reid und Mark Allen auszudrücken pflegen? Braucht man die?
Stephan Vuckovic: Respekt vor den Wetterkapriolen sollte man immer haben, Demut weniger.


