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M wie Motivation: Was uns antreibt

29. Dezember 2016 von Christine Waitz

Ingo Kutsche, freiMotivation wird im Online-Wissenslexikon als „Streben des Menschen nach Zielen oder wünschenswerten Zielobjekten“ definiert. Ein Ziel – ganz klar, das haben Sportler nicht nur im übertragenen Sinne im Kopf, sondern oft ganz bildlich vor Augen. Als die Linie, den man am Tag X nach hartem Wettkampf überschreitet. Möglichst glücklich, möglichst zufrieden oder möglichst schnell. Dazu braucht es gewissenhafte Vorbereitung, die nicht selten mit viel Disziplin und einigen Entbehrungen verbunden ist. Was also treibt uns an, solche Ziele zu setzen? Wir haben uns mit dem Mentalcoach für Sport und Business, Doris Kessel, unterhalten.


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Hallo Doris! Was ist dein aktuell größtes Ziel?

Das ist im Moment eher beruflich als sportlich: Ich mache im Moment einige spannende Fortbildungen, um meine Coachingtools für meinen „Werkzeugkoffer“ zu erweitern und mache eine Yogaausbildung. Mein Ziel ist es, das alles erfolgreich abzuschließen.

Grenzen gibt es nur im Kopf, heißt ein Stichwort. Du bist Mentalcoach. Hilfst Menschen ihre eigenen Grenzen zu verschieben. Wie funktioniert’s?

Ja, in der Aussage, dass sich die Grenzen nur im Kopf befinden, steckt viel Wahrheit drin. Und da liegt schon der Hase im Pfeffer: diese inneren Blockaden werden verursacht von tiefersitzenden Ängsten oder „Sabotageprogrammen“, die in uns laufen. Wir sind ja nicht auf die Welt gekommen und wussten sofort, dass wir irgendwas nicht gut können oder etwas nicht geht. Das, was wir von unseren Leistungen denken, haben wir im Laufe unseres Lebens erfahren und gelernt, oder es wurde uns von außen eingetrichtert – und wir haben es angenommen und abgespeichert. Daraus haben wir wiederum unsere Überzeugungen entwickelt.
Und das fiese an diesen Überzeugungen, wir nennen diese im Mentaltraining auch Glaubenssätze, ist, dass wir sie uns unbewusst immer wieder selbst bestätigen, z.B. etwas nicht gut zu können oder, dass etwas nicht geht. Dann wird es mit der Motivation schwierig.

Foto: Ingo Kutsche, frei

Ich hatte einmal ein Gespräch mit einem Triathleten, der mir erzählt hat, dass er nicht so viel Zeit zum Radfahren hat. Dann habe ich ihn gefragt, ob er mit dem Rad in die Arbeit fahren könnte, um die Zeit zu nutzen. Dann sagte er mir, dass er keine Dusche hat. Dann sagte ich ihm, dass er doch bestimmt ein Waschbecken zum Waschen hat. Dann meinte er, dass er noch das Problem hat, dass er seinen Business-Anzug schlecht am Rad mitnehmen kann. Dann habe ich ihn gefragt, ob er diesen nicht einen Tag vorher mit in die Arbeit nehmen könnte, er meinte, das wäre zu aufwändig.

Wenn wir etwas nicht wollen, gibt es tausend Gründe, warum etwas nicht geht. Dann habe ich entweder die Möglichkeit mein Ziel zu hinterfragen und ob, ich das wirklich will oder zu schauen, was das eigentliche Problem ist. Wahrscheinlich ein Glaubenssatz, eine Überzeugung, die mir Grenzen setzt. Da ist es am besten, wenn sich einmal selbst beim Sprechen zuhört. Gerade Sätze mit „immer“ zeigen tiefe Überzeugungen in uns und sollten einmal hinterfragt werden, ob das wirklich so ist. Wenn ich feststelle, dass das nur ein Gedanke ist, denn ich mir selbst zusammengebraut habe, dann ist der Weg frei, diesen aufzulösen und diese Grenze zu verschieben. 

Mit dem Wissen um Ziele, Motivation und die Prozesse, die dahinter stehen, setzt man sich Ziele anders? Gewissenhafter? Gewagter? Größer oder kleiner? Warum setzen wir uns überhaupt große Ziele?

Ich würde nicht sagen, dass man sich „große“ Ziele setzt. Denn den Einen würde das vielleicht überfordern, weil jeder eine andere „gelernte“ Auffassung von großen Zielen hat. Ich würde es lieber „das richtige Ziel“ nennen.
Motivationsspruch_TeaserEin Ziel, das verschiedene Kriterien erfüllt: es sollte in erster Linie realistisch sein. Wenn wir uns zu hohe Ziele setzen, dann werden wir vielleicht enttäuscht und unmotiviert. Wenn wir das Ziel zu niedrig setzen, dann fehlt auch die Motivation, weil keine Herausforderung da ist. Man spricht in der Leistungsmotivation von einem „mittleren Leistungsniveau“. Dann sollte ein Ziel natürlich in unserer eigenen Verantwortung liegen, damit wir den meisten Einfluss auf das Gelingen haben. Gut ist auch, wenn ich überprüfen kann, ob ich das Ziel erreicht habe – und natürlich sollte ich mich dann ganz doll dafür loben, um die Motivation für weitere Ziele zu steigern!

Damit mein Unterbewusstsein sich nicht aus der Zielerreichung herauswinden kann, brauchen wir ganz klare Ziele -ohne wenn und aber. Ziele ganz spezifisch zu formulieren und zu überprüfen, ob ich das auch tatsächlich so machen will, ist schon fast eine kleine Kunst. Wenn ich mich dann an die Umsetzung mache, sollte ich darauf achten, dass ich Zwischenstationen einbaue. Ich habe da immer das Bild beim Marathon im Kopf, wo ich nur in bestimmten Abschnitten denke und nicht gleich an die ganze Strecke, um die Motivation hochzuhalten.

Mentales Training scheint also gerade für Sportler ideal zu sein. Und dennoch scheint sich noch kaum jemand um diesen Trainingsbereich zu kümmern. Woran liegt das?

Das ist wirklich eine sehr gute Frage. Und ich würde sagen, dass mentales Training für jeden ideal ist, weil jeder einen Nutzen davon hat.

Ich denke, wir leben in einer Gesellschaft, in der wir eher den Dingen trauen, die wir sehen können, als den Dingen, die nicht sofort greifbar für uns sind. Die meisten leben im „Außen“ und richten ihre Aufmerksamkeit auf Dinge, die um sie herum passieren (oder passieren könnten), als nach innen zu schauen. Vielleicht ist es ihnen zu mühselig oder vielleicht macht es ihnen unbewusst sogar Angst sich ggf. mit Dingen auseinandersetzen zu müssen, die man nicht sehen will.

Und mir scheint es auch, dass wir in einer sehr schnelllebigen Zeit leben, in der oft nur kurzfristig gedacht wird, wo schnelle Ergebnisse sichtbar sein müssen, sonst bringt es nichts. Das führt alles zu einer abgeschwächten Wahrnehmung für sich selbst und auch für seinen eigenen Körper. Wenn ich soweit bin, dass ich mich darauf einlasse in dieses Abenteuer „Innenwelt“ einzutauchen, dann kann man nur davon profitieren, weil man sich weiterentwickelt und es auch spürt. Und es fühlt sich verdammt gut an.

Hand auf’s Herz. Hat man auch als Mentalcoach manchmal einen Durchhänger? Tage, an denen man sich einfach nicht motivieren kann?

Jörg Schüler, frei

Kurze Pause!

Ja, klar. Wir sind alle nur Menschen. Und eines der Ziele beim mentalen Training ist es, seinen Kopf und seinen Körper noch viel besser verstehen zu lernen, um noch besser Hand in Hand zusammen arbeiten zu können. Da gehört auch dazu, dass man unterscheiden kann, ob es gerade nur der innere Schweinehund ist, der keine Lust hat oder, ob der Körper gerade sagt: „Hey, ich brauche eine Pause, mir tut das gerade nicht gut, was du das machst.“ Und wir alle wissen, die Reizadaption findet in der Entlastungsphase statt – oder einfach ausgedrückt mit einem alten und sehr weisen Satz: In der Ruhe liegt die Kraft.

Zur Website von Doris Kessel.

Fotos: Ingo Kutsche, Jörg Schüler

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