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Ironman Hawaii: Patrick Lange holt sich den Titel, Kienle Vierter, Frodeno abgeschlagen

16. Oktober 2017 von Stephan Schepe

Getty Images for IRONMAN/Getty Images North America/Sean M. Haffey, frei„Ich wollte aussteigen“ sagte Patrick Lange kurz nach seinem Zieleinlauf. Wenige Minuten zuvor überquerte der 31-jährige als neuer Ironman Hawaii Champion die Ziellinie sogar mit neuem Streckenrekord. Eine reine Willensleistung: wie im vergangenen Jahr rollte Patrick Lange das Feld auf der Laufstrecke quasi von hinten auf. Lionel Sanders, der über weite Strecken Führende des Rennens, hatte dem heranstürmenden Lange letztlich nichts mehr entgegenzusetzen.


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Getty Images for IRONMAN/Getty Images North America/Sean M. Haffey, frei

Die Entscheidung auf Hawaii ist noch nie auf der Zielgeraden gefallen. So weit sollte es auch in diesem Jahr nicht kommen, denn Patrick Lange überholte Lionel Sanders knapp fünf Kilometer vor dem Ziel wie ein D-Zug. In diesem kurzen Moment der Begegnung lagen dennoch Welten zwischen den beiden: Sanders‘ kraftbetonter, fast schon „humpelnder“ Laufstil ist sicherlich alles andere als ästhetisch – viele fragen sich, wie er dennoch so schnell laufen kann. Patrick Lange dagegen bei Kilometer 37 scheinbar immer noch leichtfüßig, fokussiert, in seiner eigenen Laufwelt. An den Verpflegungsstationen drosselt er nicht sein Tempo, nimmt alles, was er zu fassen bekommt, greift Schwämme, schüttet sich Wasser über den Kopf, trinkt, weiter geht’s! Erst auf dem letzten Kilometer kommt er aus seinem Tunnel heraus, erste Anzeichen der Freude, klatscht Zuschauer am Straßenrand ab, dann das Ziel! Keine Siegerposen, sondern ungespielte wahrhafte Freude. Ein Mann, der es selbst noch nicht begreifen kann, was er da geleistet hat: Ironman Weltmeister mit neuem Streckenrekord 8:01:40 Stunden.

Etwas mehr als zwei Minuten später überquert Lionel Sanders die Ziellinie. Der Kanadier wurde im Vorfeld schon als einer der heißesten Favoriten gehandelt – und wurde allen Erwartungen gerecht. Sanders und Kienle kamen gemeinsam mit mehr als fünf Minuten Rückstand auf die Spitzengruppe um Jan Frodeno aus dem Wasser. Ergänzt wurde dieses schlagkräftige Favoritenduo um Boris Stein und den Australier Cameron Wurf. Zu viert wurde auf dem Rad der Turbo gezündet.
Getty Images for IRONMAN/Getty Images North America/Sean M. Haffey, freiSchon vor dem Wendepunkt in Hawi hatten sie die Führungsgruppe eingeholt und machten weiter Druck, nur wenige konnten folgen. Auf dem Rückweg konnte sich Cameron Wurf sogar noch ein wenig absetzen und hämmerte mit 4:12:54 Stunden einen neuen Radrekord auf den heißen Asphalt. Dabei blieb er deutlich unter dem bisherigen Rekord von Norman Stadler aus dem Jahr 2006 (4:18:23 h). Beim Laufen sollte Wurf dann allerdings keine Rolle mehr spielen: Sanders und Kienle wechselten kurze Zeit nach dem Australier auf die Laufstrecke, Frodeno führt die größere Gruppe bereits mit etwas Abstand in die Wechselzone.

Frodeno geht

Nach wenigen Minuten auf der Laufstrecke blenden die Kameras einen gehenden Jan Frodeno ein! Er scheint Probleme mit dem Rücken zu haben, nimmt Gelegenheit wahr, sich zu dehnen. Schmerzverzerrtes Gesicht, der Champion weiß, dass heute nicht sein Tag ist. Ein Konkurrent nach dem anderen läuft an ihm vorbei. Frodenos Frau Emma geht ein paar Schritte neben ihm her, die beiden reden. Aufhören? Weitermachen? Die ganze Triathlonwelt leidet in diesen Minuten mit Jan mit. Nach einiger Zeit beginnt Frodeno wieder mit vorsichtigen Laufversuchen, er bleibt im Rennen.
Getty Images for IRONMAN/Getty Images North America/Tom Pennington, frei

 

Zurück zur Spitze

Sanders mit seinem unrunden Laufstil in Führung, Kienle mit knapp zwei Minuten Rückstand. Wird Lionel Sanders noch einbrechen? Kann Sebastian Kienle den Kanadier noch abfangen? Einer von beiden wird das Rennen für sich entscheiden, soviel stand zur Halbzeit der Marathonstrecke für alle fest.

Doch dann kam die große Show des Patrick Lange. Nach dem Radfahren in elfter Position mit mehr als zehn Minuten auf den Führenden auf die Laufstrecke gegangen, gab es für Patrick Lange nur noch eine Richtung: nach vorn! Die Kameras konzentrierten sich derweil auf Jan Frodenos Kampf mit sich selbst und das Duell an der Spitze. Patrick Lange arbeitete sich Platz um Platz nach vorn und schob sich jeden Kilometer immer näher an das Führungsduo. Beim Abzweig zum Energy Lab (ca. Km 25) ist Patrick Lange schon Dritter und hat den Abstand auf den Führenden Lionel Sanders schon auf fünf Minuten heruntergelaufen. Wendepunkt Energy Lab: Sanders und Kienle begegnen sich. Wissen, wer ihnen da im Nacken sitzt. „Sebi’s“ Laufstil wird schwerfälliger, er kämpft. Verliert wertvolle Zeit auf Sanders.
AP/FRE132414 AP/Marco Garcia, frei

Auf dem Rückweg nach Kona dann das Überholmanöver: Patrick Lange zieht an Sebastian Kienle vorbei. Weiter! Noch drei Minuten auf Sanders, zehn Kilometer bis ins Ziel. Das große Rechnen beginnt. Entscheidung erst auf der Zielgeraden? Nein. Sanders kann Patrick Langes purer Energie und Willensstärke nicht standhalten, lässt ihn wie all seine anderen Konkurrenten mit Fassungslosigkeit ziehen. Patrick Lange gewinnt den Ironman auf Hawaii. Freude pur, Begeisterung für diesen sympathischen Sportler. Sebastian Kienles Kampf um den dritten Platz geht in der Euphorie um Patrick Lange fast unter. Drei Kilometer vor dem Ziel schob sich nämlich noch David McNamee an Sebastian Kienle vorbei und sicherte sich den dritten Podiumsplatz. Durch die zweitbeste Marathonzeit arbeitete sich der Brite vom 14. auf den dritten Platz vor und überließ Sebastian Kienle nur den undankbaren vierten Platz.
Und Jan Frodeno? Er beendete das Rennen auf dem 70. Gesamtplatz in 9:15:44 Stunden und absolvierte den Marathon dabei in 4 Stunden. Auch solche Tage gibt es. Jan, you are an Ironman!

Fotos:
Getty Images for IRONMAN/Getty Images North America/Sean M. Haffey, Tom Pennington
AP/FRE132414 AP/Marco Garcia

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