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Interview mit Extrem-Radfahrer Bernhard Steinberger: „Am Anfang stand eine Vision.“

29. Oktober 2015 von Christine Waitz

Bernhard Steinberger,   einmaligUnd wann bist du das letzte Mal 2.145 Kilometer geradelt? Hast 22.655 Höhenmeter überwunden? Und das weitestgehend am Stück? Klingt unvorstellbar, oder? Bernhard Steinberger meisterte in diesem Jahr ein weiteres großes Ziel: Nach einem zweiten Platz beim Race Around Ireland 2013 schaffte er 2015 den Sieg. Wir haben uns mit dem Extrem-Radfahrer unterhalten.


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Fußball, Karate, Boxen… wie Viele probierte sich Bernhard Steinberger in Kindheit und Jugend durch die Sportarten. 1999, mit 19 Jahren, fand er zum Triathlon – durchaus auch nicht ungewöhnlich. Wenig später wurde er innerhalb von drei Jahren zweimal vom Rad geholt, Autofahrer hatten ihm die Vorfahrt genommen – und mehr. Nachdem er sich an beiden Schultern Operationen unterziehen musste und das Schwimmen nicht mehr Leistungsmäßig möglich war, suchte er sich neue  Herausforderungen. Und das genau in der Sportart, die ihm zweimal zum Verhängnis wurde….

Rekordjagd auf Ultradistanzen

Bernhard Steinberger, einmaligDann jedoch entdeckte der Pösinger das Radfahren auf Ultradistanzen für sich. Die Möglichkeiten, sich in diesem Bereich zu beweisen, scheinen schier unendlich, wie Steinbergers Sport Vita aufzeigt. 2006 stellte er einen Weltrekord im „24h Static Cycling“ auf. Ein Tag Radfahren auf der Stelle…. 2008 stellte er sich dem ersten 24-Stunden Rennen auf der Straße und errang in Kelheim gleich den Sieg.

In diesem Jahr war es soweit. Der gelernte Metallbauer, der heute auch Vorträge gibt, kehrte nach 2013 zurück auf die grüne Insel Irland, mit dem Anspruch, dieses Mal ganz vorne zu sein. Nach über 98 Stunden war er im Ziel. Fast 18 Stunden schneller, als bei seiner ersten Teilnahme und – viel wichtiger – an erster Position und damit Europameister im Ultracycling.

Doch was bringt einen dazu solche Leistungen anzustreben? Wie überwindet man die schweren Stunden? Wie trainiert man? Wir haben uns mit Bernhard Steinberger unterhalten.

Hallo Bernhard! Du erholst dich gerade von einer Folgeoperation eines länger zurückliegenden Schlüsselbeinbruchs. Kann man als Extremsportler in solchen Situationen überhaupt die Füße still halten, oder suchst du dir schon Möglichkeiten zu „trainieren“?

So gut wie möglich halte ich mich still. Ich darf, laut den Ärzten, nicht viel machen. Aber das, was ich machen darf, mache ich dafür ausgiebig: Kniebeugen, Spazieren gehen, Reha-Übungen und ausgiebig dehnen steht zur Zeit am Trainingsplan. Ganz still halten kann ich mich natürlich nicht (lacht). Das ist aber sicher auch nicht sinnvoll für einen Leistungssportler.

BS einmalig

Wenn wir schon beim Thema trainieren sind: Mit bis zu 30 Stunden arbeiten Triathleten schon viel. Doch wie trainiert man Ultracycling? Erst recht, wenn man kein Profisportler ist?

Ich versuche die Woche zu gut wie möglich zu planen, und dennoch flexibel zu sein. Um so aus der wenigen Zeit, die ich neben meiner 40 Stunden Arbeitswoche zur Verfügung habe, das Maximum heraus zu holen. Im Herbst/Winter betreibe ich viel alternative Sportarten wie Laufen, Schwimmen,  Mountainbike fahren, Wandern, Krafttraining im Sportcenter und natürlich muss auch  Hometrainerfahren enthalten sein.

Im Frühjahr/Sommer wird dann dem Rennrad-Training ein großer Teil der Zeit geschenkt. Aber auch da betreibe ich alternative Sportarten. Ich möchte beim Sport soviel Spaß wie möglich haben, das ist mir sehr wichtig! Ich trainiere an den Wochenenden mit langen Radeinheiten bis zu zwölf Stunden. Und ab und an muss man sich richtig quälen können. Das lange lockere Dahinrollen und stur nur Kilometer sammeln ist sicher nicht der Schlüssel zum Erfolg.

Auf deiner Website schreibst du: „Ich bin nicht gut, aber ich bin auch nicht schlecht. Dafür bin ich aber, eine Klasse für sich selbst!“. Geht es darum, seine eigenen Fähigkeiten perfekt einschätzen zu können, und den Bereich zu finden, in dem man sie am besten einbringen kann? Wie hast du herausgefunden, dass Ultracycling genau Deines ist?

Ja genau! Jeder hat doch irgendwo seine Stärken und ich habe daran noch dazu sehr viel Spaß. Gibt es was Schöneres als einen Sport, in den man seine ganze Leidenschaft miteinbringen kann, und in dem man noch dazu erfolgreich ist?

Bernhard Steinberger, einmaligWie ich noch im Triathlon tätig war, haben mir die langen Radeinheiten immer viel Spaß gemacht. Die Ausfahrten wurden hier schon immer länger und länger. Dann kam schon der Gedanke hin und wieder auf: Wie lange kann man sowas machen? Auch die ganze Nacht durchfahren, ist das möglich? Oder sogar 24 Stunden am Stück Radfahren?  Am Anfang stand wie so oft eine Vision.

Für viele ist die Triathlon Langdistanz schon eine kaum vorstellbare Strecke. Doch Wettkampfdauern von fast 100 Stunden, Tausende von Kilometern – da fehlen dem Ein oder Anderen sicher die Worte. Was macht den Reiz dieser Wettkämpfe aus?

Das unvorstellbare macht für mich den größten Reiz aus. Wie lange kann man Radfahren am Stück, und das noch dazu mit relativ hoher Geschwindigkeit? Ist das möglich? Wie lange ist das möglich? Einen Tag, also 24 Stunden Radfahren am Stück, kann man sich schnell antrainieren, wenn man die Motivation dafür findet. Wenn man mehrere Tage fährt und das fast ohne Schlaf, da gehört schon mehr dazu. Körperlich und geistig sind das Grenz-Belastungen. Ein gut eingespieltes Team, das mich Tag und Nacht  betreut. Auch ausgiebige Vorbereitung vor dem Rennen gehört dazu. Wenn man genau hinsieht, weiß man es ist kein Einzelsport. Erfolg ist Teamsache!

Wenn man im Triathlon ein Tief hat, dann lässt sich das mit etwas Selbstüberredung und kleineren Tricks meist irgendwie meistern. Wenn man jedoch noch mehrere Renn-Tage vor sich hat, dann kann man sich wohl nicht mehr mit „sind doch nur noch 500 Kilometer“ überreden, oder? Welchen Anteil hat die Mentale Komponente an so einem Finish wie in Irland?

Bernhard Steinberger, einmaligWarum nicht?? Beim Race Around Ireland dieses Jahr wurde mir dann gesagt, ich habe noch 305 Kilometer ins Ziel. Ich habe dann im Kopf hochgerechnet. Wann meine Ziel-Ankunft sein sollte. Ich hatte ein Ziel vor Augen. Darauf habe ich mich fokussiert. Somit war ich wieder voll motiviert.
Die Mentale Komponente macht bei solchen Ultraradrennen enorm viel aus. Mein Team, welches mich während des gesamten Rennens begleitet, macht über  50 Prozent meines Erfolges aus. Der Rest liegt an mir. Wenn man auf vier Tage Renndauer nur 93 Minuten schläft, kann man sich sehr gut vorstellen, wie entscheiden die mentale Stärke sein muss. Der Kopf ist im Vorfeld und im Rennen ein entscheidender Faktor. Die Mentale Kompetente macht sicher 80 Prozent des Erfolges aus. Ab einem gewissen Punkt ist das Rennen hauptsächlich Kopfsache. Die Psyche steuert wieviel ich leisten kann.

Ein Langdistanzrennen lässt sich noch einigermaßen planen. Wetter, Material, Ernährung, Strategie. Ist der Plan realistisch aufgestellt und hält man sich daran, kann es schon nicht mehr völlig schief gehen. Bei einem Ultraevent dürfte das anders aussehen. Denn je größer die Distanz, desto mehr werden die Unwägbarkeiten. Wie kann man dennoch mit dem Ziel „Sieg“ an das Rennen heran gehen?

Auf solchen Distanzen muss mit allem gerechnet werden. Unvorhersehbare Wetterbedingungen aller Art, schlechte Straßen, körperliche Beschwerden, bis hin zu Halluzinationen kann alles bei so einem Rennen passieren. Man fährt sein eignes Rennen und die Konkurrenz wird immer beobachtet, wo sie liegt. Man versucht im Vorfeld alles gut zu planen und  zu organisieren. Aber egal wie gut alles Vorbereitet ist – es können immer irgendwelche unerwarteten Probleme auftreten.

Bernhard Steinberger, einmalig

 

Und hier ist das Team gefordert. Es muss so schnell wie möglich improvisieren. Alles was zwischen Start und Ziel passiert, muss so schnell wie möglich bewältigt werden, bei Tag und Nacht. Die Renn-Zeit läuft ja unaufhörlich von Start bis ins Ziel. Man muss auf solchen Distanzen hoch motiviert und fokussiert sein. Das Ziel war klar in Irland, ganz vorne mitzufahren. Wie weit es reicht, kann man davor nur erahnen. Wenn es mal nicht so läuft, muss man gelassen bleiben, es kann soviel passieren – bei mir und auch bei der Konkurrenz. Dass man auf solcher Distanz einige Höhen und Tiefen durchlebt, ist nicht immer lustig. Wichtig ist jedoch, dass man am „Ball“ bleibt. Einfach immer sein Bestes geben.

Und zum Schluss gehört immer eine Portion Glück dazu.

Verrätst du uns dein nächstes Projekt?

Ich muss jetzt erst abwarten, wie schnell ich mich von der Folgeoperation erhole. Wann ich wieder hundert Prozent fit bin. Die Gesundheit ist das Wichtigste. Ohne Gesundheit ist kein Leistungssport möglich. Die Saisonplanung läuft gerade. Mal sehen was alles für Wettkämpfe in Frage kommen.

In Zukunft werde ich natürlich wieder hohe Ziele anstreben, welch mich dann sehr motivieren um mein Bestes zu geben. Mein Traum wäre natürlich das Race Across America zu fahren und auch zu gewinnen. Qualifiziert habe ich mich bereits schon öfters dafür. Die Teilnahme am RAAM ist aber sehr teuer. Es ist also vor allem eine finanzielle Frage, wann ich dort starten kann.

(Anmerkung: Das Race Across America (RAAM) ist ein jährlich durchgeführtes ultralanges Radrennen, das von der Westküste der Vereinigten Staaten zur Ostküste verläuft. Ziel ist es, die Strecke von etwa 4.800 km bei einer Gesamthöhendifferenz von rund 52.000 m innerhalb eines festen Zeitlimits zurückzulegen.)

Vielen Dank für das Interview und schnelle Genesung nach deiner OP!

Zur Website von Bernhard Steinberger.

Fotos: Bernhard Steinberger, hz-Foto

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