Ich bin dann mal gelähmt…
“Unfassbar, am Samstag hatte ich noch vier Stunden trainiert, davon war ich zwei Stunden recht zügig gelaufen, und gerade mal zweiundsiebzig Stunden später rollte ich hinter meiner Therapeutin her, die netterweise meinen Infusionsbeutel schob”. Oliver Brendel, zweifacher Ironman-Finisher, erzählt in seinem Buch “Ich bin dann mal gelähmt – Vom Ironman zum Pflegefall und zurück” seine Geschichte.

Oliver Brendel ist sehr sportlich und ausdauertrainiert, ist Marathons gelaufen und zweifacher Ironman-Finisher. Er ist glücklich verheiratet und hat zwei Kinder und ist damals leitender Redakteur bei Prosieben. Als er gerade mitten in der Vorbereitung auf seinen dritten Ironman steckt geht von heute auf Morgen plötzlich gar nichts mehr.
Die niederschmetternde Diagnose lautet Guillain-Barré-Syndrom, eine entzündliche Erkrankung der aus dem Rückenmark hervorgehenden Nervenwurzeln. In kürzester Zeit ist der Körper vollständig gelähmt. Fünf Prozent der Erkrankten sterben, fast ein Viertel behält bleibende Lähmungen zurück.
Oliver erzählt in seinem Buch seine Erfahrungen mit der Krankheit und den langen Weg zurück aus den Rehaklinik in den Alltag. Sein Ziel, wieder an einem Ironman teilnehmen zu können, motiviert ihn und läßt ihn auch viele Rückschläge verkraften.Vollständig wiederhergestellt und gesund finisht er im Jahr nach der Erkrankung beim Ironman in Klagenfurt. Wir haben ihn in Griechenland erreicht und ihm ein paar Fragen gestellt.
Hi Oli, wie gehts dir?
Super, seit 01.09.2011 lebe und arbeite ich zwei Drittel meiner Zeit in Griechenland und habe mein Training komplett auf “indoor” umgestellt. Denn im Sommer ist es zu heiß und im Winter müsste ich mangels Gehsteige immer mitten auf der Strasse laufen (Bedenke: 80 Prozent aller Griechen haben ihren Führerschein gekauft und nicht gemacht!) und das Killerargument überhaupt: Für öffentliche Schwimmbäder braucht man in Griechenland ein ärztliches Attest, sonst darf man nicht rein. Kein Witz. Deswegen bin ich jetzt in einem sündteuren Fitness-Studio, wo ich incl. 25m-Becken alles halbe. Halt nur mit Dach drüber.
Was hat dir die Kraft zum Durchhalten gegeben?
Keine Ahnung. Erst war ich völlig fertig und habe ganze Ozeane geheult, aber sobald es nicht mehr schlimmer wurde und ich wusste, jetzt beginnt mein Weg zurück, war ich 100 Prozent motiviert. Als klar war, dass mir die Krankheit meinen Ironman 2007 „stehlen“ wird, habe ich mir gesagt: „Ok, dann ist dieses Jahr diese Krankheit mein Ironman und das Ziel mein altes Leben wieder zurück zu holen“. Ich hab mir dann immer vorgestellt, dass ich in einem knüppelharten Trainingslager bin und den ganzen Tag an meiner Form arbeite.
Und so war es denn eigentlich auch. Ich habe nur trainiert, nicht nur während meiner Therapiestunden, sondern ganz ganz viel alleine in meinem immer wieder die Übungen gemacht, die mir die Therapeuten gezeigt hatten. Anfangs zum Beispiel mit dem Daumen die anderen vier Fingerspitzen berühren. Für eine Hand hab ich fünf Minuten gebraucht.
Außerdem habe ich mich aber auch ganz bewusst zwischen den Einheiten ausgeruht und keine Mahlzeit ausgelassen. Wie man das halt so macht, in einem Trainingslager.
Was hat sich für dich durch die Krankheit verändert?
Seit der Krankheit ist mein Glas wirklich IMMER halbvoll!
Hast du dir als du die Diagnose bekamst mal gedacht, ob zu viel Sport vielleicht der Auslöser war?
Erster Gedanke, erste Frage an die Ärzte. Klare Antwort: „Völliger Quatsch!“ Andererseits weiß niemand, was der Auslöser des Guillan-Barré-Syndroms ist.
Es passiert einfach. Sportlern und Nichtsportlern. Männern wie Frauen. Alten und Kindern. Gesunden und Kranken. Das GBS ist eine willkürliche Keule. Mit dem das Schicksal halt 1000 – 1500 mal jährlich in Deutschland zuschlägt.
Wie hat dir der Sport geholfen die Zeit zu überstehen?
Ich bekam die Diagnose am 01. April 2007, im Juli sollte mein dritter Ironman stattfinden, das heißt ich war topfit. Das hat auf jeden Fall geholfen.
Außerdem können Sportler, laut der Ärzte, leichter mit einer Reha umgehen, weil sie daran gewöhnt sind täglich zu trainieren, ein gutes Körpergefühl haben und dadurch sich weniger über- oder unterfordern.
Welche Ziele hast du im sportlichen Leben?
Ich möchte mich 2040 für Hawaii qualifizieren und möglichst an meinem Geburtstag (am 20.10.2040 werde ich siebzig Jahre alt. Übrigens ein Samstag! Hihi…) auf Hawaii finishen.
Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft.
Foto: Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG









