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Expertenserie: Interview mit Sportpsychologe Joachim Lask – „Das Entscheidende ist, was im Kopf passiert“

4. August 2012 von Nora Reim

Foto: Joachim Lask freiAm heutigen Samstag zählt’s bei den Olympischen Spielen 2012 in London: Um 10 Uhr deutscher Zeit starten die Damen im Hyde Park in den wohl wichtigsten Wettkampf in diesem Jahr. Ob die Drei auf der Olmpischen Triathlon-Distanz die Nerven bewahren, ist eine Frage des Mentaltrainings. Der Darmstädter Sportpsychologe Joachim Lask erklärt im Gespräch mit triathlon.de, warum die meisten Rennen im Kopf gewonnen werden.


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Herr Lask, was motiviert Sie, jeden Morgen aufzustehen?

Mein Trainingspartner hat auf mich gewartet! (Lacht) Ich habe das Lauftraining noch nie abgesagt, auch wenn es mir manchmal schwerfällt, morgens um fünf Uhr aufzustehen. Dann nutze ich eine mentale Strategie: Ich stelle mir vor, wie ich am Abend stolz auf mich sein werde.

Sie sind selbst Langstreckenläufer, starten dieses Jahr bereits zum siebten Mal beim Frankfurt Marathon. Der Marathon ist die letzte und oft siegentscheidende Disziplin bei einem Langdistanz-Rennen. Mein Kopf ist noch willig, mein Körper nicht mehr – wie reagiere ich als Triathlet?

Wenn das Fleisch schwach wird, muss ich eine Zielvisualisierung aufbauen. Das bedeutet, ich überführe negative Gedanken, die in solchen Momenten auftauchen, in ein positives Bild. Ich stelle mir also beispielsweise vor, wie ich ins Ziel laufe, und zwar so konkret wie möglich: Gibt es einen Zielbogen, wer steht rechts und links, feuern mich Zuschauer an? Das Bild muss so scharf wie ein Foto sein und sich in meinem Kopf einbrennen. Dafür muss ich mir die Methode der Zielvisualiserung vor dem Wettkampf mit Hilfe eines Mentaltrainers erarbeiten und in Stresssituationen üben. Gut funktionieren auch Gerüche, die das Gehirn stimulieren. Mit Hilfe eines bestimmten Geruchs auf der Haut wie Deo, Parfum oder auch Schweiß kann ich das „Bild im Kopf“ auslösen. Andere Reize können das Ziehen am Ohrläppchen oder das Zwicken in den linken Zeigefinger sein.

Angenommen, ich habe während eines Wettkampfs einen emotionalen Tiefpunkt, denke gar ans Aufgeben. Welche Rolle spielen Trainer, Freunde und Fans in einer solchen Situation?

Dass jemand am Streckenrand steht, kann helfen, ist aber von der Tagesform abhängig. Mir hat es schon mal geholfen, dass eins meiner fünf Kinder eine kurze Strecke mitgelaufen ist, aber manchmal will ich das nicht! Die entscheidende Frage ist: Wer steht da und was ruft er mir zu? Sätze wie „Das sieht nicht schlecht aus“ bringen mich nicht weiter, weil unser Gehirn das Wort „nicht“ nicht kennt und somit „schlecht“ abspeichert. Deshalb ist es wichtig, dem Athleten positive Formulierungen mit auf den Weg zu geben.  „Beiss dich durch“ kann eine klassische Zugmotivation sein, die beschreibt, wie ich mich in der aktuellen Situationen verhalten soll.

Das schmerzverzerrte Gesicht von Faris Al-Sultan

Die schmerzhaften Erinnerungen an den Ironman Frankfurt 2011 führten dazu, dass sich Faris Al-Sultan bei der Weltmeisterschaft auf Hawaii nach eigenen Angaben „nicht mehr richtig quälen konnte“. „Ich habe ein Stück meiner Seele am Main gelassen“, sagte der Münchner Triathlon-Profi im Gespräch mit triathlon.de. Welche Prozesse laufen in diesem Fall im Gehirn ab, dass sie den Athleten nachhaltig daran hindern, an seine Schmerzgrenze zu gehen?

Das können Persönlichkeitsfaktoren wie eine Angstmotivation sein. Die Furcht vor Misserfolg kann so ausgeprägt sein, dass körperliche Schmerzen das Selbstwertgefühl eines Athleten nachhältig beeinträchtigen. Dann muss die eigene Lebensvision überprüft werden: Welchen Stellenwert nimmt Triathlon in meinem Leben ein? Hängt mein Selbstwertgefühl vom Erfolg oder Misserfolg eines Wettkampfs ab? Diese Fragen lassen sich übrigens wunderbar aufs berufliche Leben übertragen. „Kompetenzcenter Sport: Mentaltraining im Sport auch im Job nutzen“ ist ein Thema, mit dem ich mich derzeit im Rahmen eines Werkstattseminars mit mittelständischen Unternehmen und eines Buch-Projekts intensiv befasse. Ziel von Sportlern wie von Mitarbeitern als auch Unternehmern sollte die Einstellung sein: „Ich will unbedingt siegen…, aber ich kann auch verlieren!“

„Das Rennen wird im Kopf gewonnen“, sind sich Triathlon-Profis einig. Hand aufs Herz: Was kann Mentaltraining tatsächlich leisten und wie funktioniert es?

Foto: Thomas Wenning frei
Einer unter vielen: Marino Vanhoenacker (grüne Badekappe) konzentriert sich vor dem Start

Wichtig ist, Motivations- von Mentaltraining zu unterscheiden. Motivationstraining ist beispielsweise die bereits erwähnte Zielvisualisierung. Das klassische Mentaltraining ist das Trainieren in der Vorstellung, ohne die Bewegung an sich auszuführen. Athleten beschreiben ihren genauen Bewegungslauf und üben ihn gedanklich, also mental, ein. Ein mental trainierter Läufer kann sich seine optimale Bewegung der Beine, Knie, Füße, Hüfte oder Arme so gut vorstellen, dass er es tatsächlich fühlen beziehungsweise empfinden kann – er verbindet dies etwa mit dem bewegten Bild einer Dampflok. Damit kann der Läufer seine Technik deutlich verbessern.

Am Schwimmstart sieht man einzelne Athleten oft mit geschlossenen Augen stehen – und das mitten im Trubel. Mit welcher Übung schaffe ich es, meine Umgebung auszublenden und mich auf den bevorstehenden Wettkampf zu fokussieren?

Unsere Muskeln sind wie Pfeil und Bogen: Vor der maximalen Spannung muss der Bogen entspannt sein, damit der Pfeil ins Schwarze trifft. In der Startvorbereitung geht es also darum, sich etwa mit Hilfe einer Atem-Entspannung in einen Ruhezustand zu bringen und dann die Zielvisualisierung zu aktivieren. Die Wirkung ist damit deutlich hypnotischer. Beruhigend können auch Bibelverse sein wie „Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist“ (Philipper 3,13). Dies könnte gleichzeitig das Wettkampfmotto meiner Zielvereinbarung sein, genau so wie meine minimale und maximale Finisherzeit – dann kann ich am Ende nur gewinnen!

Vielen Dank für das Gespräch. triathlon.de wünscht gute Motivation!

Mehr Informationen zum Sportpsychologen Joachim Lask findet ihr hier.

Fotos: Joachim Lask, Ingo Kutsche – sportfotografie.biz, Thomas Wenning

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