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Alt 25.09.2009, 19:16   #1
Dreisportler
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Ostseeman 2009 - Clemens´s Director´s Cut

Im Einverständnis von Clemens....eine kleine Geschichte zum Ostseeman

Biiep – Biiep – Biiep…DerWecker klingelt. Es ist 4 Uhr. Ich glaube ich träume. Scheisse, warum tue ich mir das an? Ich gehe in die Küche und setze einen Tee auf. Draußen herrscht noch dunkle Nacht. An sich habe ich aber gut geschlafen. Natürlich viel zu kurz. KLICK! Der goldgelbe Toast springt in die Höhe. Hunger habe ich keinen. Trotzdem verdrücke ich diese zwei Scheiben und danach noch gleich zwei, dick mit Honig beschmiert. Dazu presse ich mir noch eine Banane rein. Der heiße Tee hilft beim Runterspülen. Es sind nun mal die letzten richtigen Lebensmittel, die ich die nächsten 15 Stunden zu mir nehmen werde. Der Riesenberg Spaghetti Pesto gestern Abend, den mir Timm´s Frau Susanne gezaubert hat, war aber auch zu lecker. Ach ja, ich bin übrigens in Eckernförde, wo ich bei meinem alten Freund und seiner Familie (die ich allesamt schon lange nicht mehr gesehen habe) die Nacht davor verbringen durfte. Bei dem guten Abendessen konnten wir stundenlang über alte Zeiten sprechen. Ich bin dann leider viel zu spät ins Bett, aber meine Nerven waren beruhigt.

4.30 Uhr. Zeit für eine andere Prozedur, die ebenfalls beruhigend für die Nerven wirkt, auch wenn es sich hier um den Darm, oder noch genauer, um seinen Inhalt handelt. Ich verabreiche mir eine Portion Microclist. Ein, für mich, alles in allem eher unangenehmer Akt. Spontan wird mir klar, warum ich damals immer meine Mutter anflehte, mir
keine Fieberzäpfchen zu geben. Verschämt schaue ich mich nach der „Versteckten Kamera“ um. 4.37 Uhr und 15 Sekunden. Die Sache ist schnell erledigt. Aus dieser Körperzone dürften heute keine weiteren Probleme zu erwarten sein.

4.40 Uhr. Ich verlasse gut gerüstet das Haus. In der Ferne ist ein Hauch von Dämmerung zu erkennen. Die gut 40-minütige Fahrt in dem kleinen angemieteten Seat Ibiza führt mich über Schleswig, die A7 Richtung Grenze, an Flensburg vorbei, nach Glücksburg. Gute Parkmöglichkeiten unweit der Wechselzone habe ich bereits am Vortag ausgekundschaftet. Ein herrlicher, windstiller Tag scheint anzubrechen.

Ich ergreife meinen minutiös gepackten Rucksack und schreite an der eng geparkten Wagenkolonne entlang. Überall herrscht ruhige, hochkonzentrierte Stimmung. Leise, fast gehauchte, aber immer freundliche „Hallo´s“ und „Gute Morgen“ werden untereinander ausgetauscht. Schmunzelnd nehme ich zur Kenntnis, dass sich alle mit den gleichen, so vielsagenden Blicken mustern. Auf der einen Seite ein fachgerechtes Bewundern der gegnerischen Fitness & Athletik und auf der anderen Seite die banale Erkenntnis: „Die kochen auch nur mit Wasser…“! Um 5.30 Uhr betrete ich die Wechselzone. X minus 90 Minuten. Gedämpfte, loungige Downbeat-Musik erklingt aus den Lautsprechern. Ich schätze, dass gut 50% der Athleten eingetroffen sind. Alle arbeiten noch mit leicht angezogener Handbremse. Spontan habe ich die Assoziation eines Ameisenhügels. Früh morgens im Schatten eines Baumes bewegen sich nur wenige Ameisen in Zeitlupe über die Tannennadeln. Doch eine Stunde später, im gleißenden Sonnenschein, flitzen Tausende von Tierchen so schnell über ihre Behausung, dass es nicht mehr möglich ist, die Tannennadeln zu sehen. So auch hier. Nachdem ich das Fahrrad top präpariert habe (Powerbars in die Oberrohrtasche gefüllt, Gel auf den Lenker geklebt, 9 Bar Luft in die Reifen gepumpt u.s.w…), herrscht um mich herum ein aufgeregtes Treiben. Der Sound der Musik ist nun um einiges saftiger und um diverse Dezibel angehoben. Ich erkenne die Filmmusiken von „Conquest of Paradise“ und „Gladiator“. Dieses simple, aber doch auch irgendwie geschickte Stilmittel, verfehlt seine Wirkung nicht. Ein jeder Athlet fühlt sich insgeheim als Held und die Zuschauer bestaunen ihre Helden und die Helden genießen das (oder geht das nur mir so??).

6.30 Uhr. X-30 Minuten. Gerade habe ich noch mal die einzelnen Wechselbeutel kontrolliert (die Zahl 429 hat sich dabei in mein Gehirn eingraviert) und meine Tasche mit Wärmebekleidung für „Nach-dem-Rennen“ abgegeben. Ich schlüpfe in den Neo und bewege mich zum Strand. X-15 Minuten. Ein letztes Gel drücke ich mir in den Mund. Obwohl
„Himbeer“ mein Lieblingsgeschmack ist, finde ich es jetzt ekelhaft. Aber verdammt noch mal, ich brauche gleich jeden Liter Benzin für meinen Motor. X-10 Minuten. Die Athleten (oder sollte ich Gladiatoren sagen?) nehmen am Strand an der Uferlinie Aufstellung, ich gleich in der ersten Reihe. Jawohl ich, der schlechte Schwimmer! Aber meine
Strategie ist die folgende: Da das Wasser sehr lange seicht ist und ich groß und tendenziell eher ein guter Läufer, werde ich durch einen Sprint versuchen, als einer der ersten die 60 Meter lange Landungsbrücke zu umrunden. Hinter der Brücke würde ich dann stark nach rechts wegbrechen, um auf der 500 Meter Geraden zur ersten Tonne, die guten Schwimmer links von mir passieren zu lassen. Ich spüre die Blicke der „Unter-60-Minuten-Schwimmer“, falle aber nicht weiter auf. X-5 Minuten. Die Musik verstummt. Der Pastor von Glücksburg hält eine kleine Predigt. Die Augen vom Lieben Gott sind also jetzt auch auf uns gerichtet, so was wie der imaginäre Ritterschlag von oben.

Die ca. 2–3000 Zuschauer auf der Landungsbrücke und auf der Uferpromenade und natürlich die 700 Sportler sind
mucksmäuschenstill. Wieder kommt mir eine Assoziation: Ich denke an die eindrucksvolle Predigt von Orson Wells zu Beginn des Filmklassikers Moby Dick, der den Seeleuten vor ihrer 3 Jahre langen Seefahrt Mut zusprechen will…Shit, die sind aber letztlich alle im Meer versunken!?! X-1 Minute. Der Sound von „König der Löwen“ reißt mich aus meinen Gedanken. Ein Hubschrauber fliegt dicht über dem Meer, um den Start für irgendein lokales Fernsehen einzufangen. Die Massen jubeln. Dann der Countdown. Von hinten spüre ich den Druck der „schwarzen Neoprenmasse“…3 – 2 – 1 Schuss! Wie von der Tarantel gestochen laufe ich los. Perfekter Start. Die ersten 30 Meter bin ich (glaube ich) sogar vorne.

Die Menge über mir auf der Brücke tobt. Dann ein letzter kräftiger Hechtsprung und ich tauche ein in das wahnsinnig kalte Wasser. Schon nach meinen ersten Kraulzügen spüre ich die Meute hinter und neben mir. Ein Piranhas-Becken bei der Fütterung und ich bin das Futter. Noch 20 Meter bis zum Ende des Stegs. Ich höre die ersten Unmutsbekundungen von hinten. Scheiße, jetzt werde ich in die Mangel genommen. Nur noch 10 lumpige Meter. Ich
fühle bewusste Griffe an meinen Fersen. Jetzt will mich doch glatt so ein „Möchtegern-Phelbs“ von hinten überschwimmen. Leider hat er die Rechnung ohne meinen Ellenbogen gemacht. Getroffen fällt er in einer Art Krokodilsrolle quer von mir ab. Dann bin ich rum.

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Alt 25.09.2009, 19:18   #2
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Re: Ostseeman 2009 - Clemens´s Director´s Cut

Mehr oder weniger unbeschadet. Links von mir geht nun die Post ab. Auf dieser Rechtsaußenbahn versuche ich nun, ruhig meinen Rhythmus zu finden. Da es nach wie vor relativ windstill, d.h. so gut wie keine Dünung, ist, kann man die erste Wendeboje sehr gut anpeilen. Das Wasser ist wunderbar klar, so dass man erstaunlich weit sehen kann. Konstant gleite ich über den max. zwei Meter tiefen Grund hinweg. Auch an der Boje halte ich mich aus den Nahkämpfen auf der Innenbahn heraus. Mittlerweile habe ich mein Tempo gefunden und fühle mich ausgezeichnet. Ich glaube sogar, ich genieße das Rennen. Algen– und Sandbänke wechseln einander ab.

Auch das eine oder andere Quallenmeeting muss ich stören. Die vereinzelten Feuerquallen kann man zum Glück aufgrund ihrer Farbe immer rechtzeitig erkennen und umschwimmen. Die Teilstrecken zwischen den Bojen des Dreieckskurses ziehen sich enorm. Etwas gedämpft euphorisch passiere ich zum ersten (und letzten) Mal die Landungsbrücke. Im Geist zähle ich „1“. Das Rundenzählen beim Radfahren wird gleich etwas anspruchsvoller. Trotz des permanent hochpulsigen Körpereinsatzes durchzieht mich mehr und mehr ein Gefühl der Kälte. Viele um mich herum gehen fallweise in Brustschwimmen über.

Ab ca. 3000 Meter setzen auch bei mir leichte Krämpfe in den Waden ein. Ich reduziere intuitiv den Beinschlag, intensiviere dafür aber den Kraulzug. Brrrr ist das schattig. Unter mir ziehen Käfige einer Miesmuschelzucht vorbei. Auf der Zielgeraden beobachte ich, wie ein Athlet vom Weg abkommt und verfrüht um eine unwichtige Fischereitonne biegen will. Im Nu wird er von einem pflichtbewussten Ordner in einem Kajak mit einem leichten Paddelklaps auf die
Strecke zurückbugsiert. Im Endspurt schmeiße ich noch mal die Armturbine an.

Dann der rettende Sand unter den Füßen. Ich torkle wie Robinson Crusoe ans Ufer. Aber Robinson hat hier zum Glück viele Brüder und Schwestern. Wie in Trance haue ich mit der rechten Hand den Transponder auf den Zeitmesstisch.
1:14! Schneller als ich dachte. Darauf folgt eine Kaskade von Frischwasserduschen. Ich streife mir den Neo runter und reiße Brille und Kappe vom Kopf.

Ab damit in den Wechselbeutel, den ich im Vorbeilaufen ergreife. Mein Rad parkt sehr vorteilhaft am Ende einer Reihe. Die drei Handgriffe zur Sonnenbrille bzw. zum Startnummernband und Helm, klappen reibungslos. Im Sprint führe ich das Rad aus der Wechselzone und dann trete ich mächtig in die Pedale. Hat alles vom Feinsten geklappt. Puls 151! Viel zu hoch!! Im Mittel möchte ich auf 142 kommen. Ich biege auf den 30-Kilometer-Parcours ein, den
ich nun sechsmal abfahren muss. Zugegeben, eine angsteinflößende Distanz. Frohen Mutes ziehe ich mir ein Gel rein
und nehme ein paar Schlücke aus der Flasche. Erstaunlicherweise habe ich relativ wenig Meerwasser zu mir genommen, so dass mein Magen aufnahmebereit sein müsste. Den ersten Anstieg nehme ich spielend und kann dabei gleich vier bis fünf Konkurrenten einsammeln. Hui, das flutscht und macht richtig Spaß. Puls 150! Scheiße, ich muss runterkommen, sonst wird sich das später rächen. Einer der Hauptsprüche von Triathlon-Stammtischen lautet:
„Für einen Amateur beginnt die Langdistanz erst nach 8 Stunden!“

Na schön, werde ich halt ab jetzt den Disziplinierten geben. Aber mann, das läuft echt geil. Mit einem Durchschnittstempo von 37 km/h fliege ich dahin. Ich habe aber auch krasses Material am Start (denke ich ein wenig stolz). Mein Dank geht an dieser Stelle an Ralph Schick und Christian Friedrich von „Sport Rasch“, die mir für den Wettkampf einen optimalen Karbonlaufradsatz gesponsert haben. Hinten „surrt“ die Scheibe. Allein das Geräusch lässt viele Radfahrer vor mir ganz nach rechts gehen (bilde ich mir zumindest ein). Die Strecke führt zum Großteil ohne Gegenverkehr über kleine Landstraßen durch den nördlichsten Zipfel Schleswig-Holsteins. Einfach traumhaft. Ein dickes Lob an den Veranstalter. In jedem Dorf, auf jedem Gehöft, das man passiert, ist die Hölle los. Unablässiger
Anfeuerjubel erklingt aus den Vorgärten. Es wird nach Kräften auf Großmutters alte Pötte geschlagen und in alle
möglichen Blasinstrumente geblasen. Auf einer Wiese vor einem kleinen Haus, sitzt gemütlich eine eher betagte
Runde beim Brunch und singt aus voller Kehle Volkslieder, begleitet von einem virtuosen Akkordeonspieler. Ein wahres „Michel-aus-Lönneberga-Idyll“. Nach knapp 50 Minuten fahre ich in Glücksburg ein. Es geht bergauf und die Radfahrer steigen zuschauerträchtig aus ihren Sätteln. Im Stadtkern dann Stadionatmosphäre. Tausende jubeln und der Sprecher
schaut auf seinen Spickzettel, auf dem er die Nummer 429 entdeckt. „…Und da kommt Clemens Fiedler vom TriTeam München…“ Ich gehe noch mal aus dem Sattel, obwohl es schon wieder bergab geht. Und dann erspähe ich auf der rechten Seite (an der ausgemachten Stelle) ein riesiges Banner mit meinem Namen und rundherum meine Familie, wild
gestikulierend (mein Bruder, seine Frau und ihre Tochter Alaska, meine Schwester und ihr Freund und meine beiden Kinder Olivia und Moritz). Das tut gut. Der Moment ist aber leider viel zu schnell vorbei. Ich schiebe auf einem imaginären Abakus ein Steinchen nach rechts. „Nur“ noch 150 Kilometer. Puls 146. Immer noch zu hoch. Aber mir geht es prima. Sollte ich das Tempo ungefähr halten, könnte eine 5:15 – 5:10 drin sein. Ich drücke mir ein Powerbar rein.

Wieder düse ich an der laut singenden Akkordeongemeinschaft vorbei. Bei Kilometer 15 werden frische Trinkflaschen verteilt. Zuvor muss man, die selbigen leer getrunkenen, in eine Art übergroßen Basketballkorb werfen. Jeder Treffer wird von den Kindern, die hier den Boxenstop betreuen, beklatscht. Gegen 10 Uhr erreiche ich Glücksburg.

Der Schnitt liegt bei 36 km/h. Leichter Wind hat eingesetzt und ein paar schattenspendende Wolken haben sich vor die Sonne gesetzt. „…Und da ist wieder Clemens Fiedler vom TriTeam München…“etc. Ich gehe aus dem Sattel.
Gleich meine Kinder auf der rechten Seite. Dann wilde Rufe (ich winke). Bei dem Tempo kann ich mich gar nicht auf ein Gesicht konzentrieren. Schon bin ich wieder vorbei und schiebe ein weiteres Steinchen nach rechts. Nach der zweiten Runde fühle ich mich mittlerweile richtig heimisch. Ich kenne jetzt jedes Schlagloch, jeden Kreisverkehr, jeden Berg, jede Kurve. Das vereinfacht natürlich das Finden der Ideallinie. Brems– und Schaltvorgänge kann ich zusätzlich minimieren und durch das konsequente Einhalten der Aeroposition kann ich Kraft sparen.

Mein Gott, die Akkordeongruppe singt immer noch. Machen die vielleicht 45 Minuten Pause und spielen dann nur für mich, oder bin ich in so eine Art Zeitschleife à la „Und ewig grüßt das Murmeltier“ geraten. Dann endlich wieder in Glücksburg. Noch 90 Kilometer liegen vor mir. Nur noch (oder immer noch?!?). Ich bin unmerklich etwas unter den 36er Schnitt geraten. Puls 142. Als wenn der Körper jetzt alles von allein steuert.
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Alt 25.09.2009, 19:18   #3
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Re: Ostseeman 2009 - Clemens´s Director´s Cut

Irgendwie faszinierend. Ich denke jetzt das erste Mal an den Marathon und überprüfe meine Tanknadel. Meine interne Reichweitenberechnung stimmt mich aber noch optimistisch. Der Akkordeonspieler hat gerade ein Solo (doch keine Zeitschleife!). Auf der Geraden vor Holnis spüre ich nun das erste Mal sehr deutlich eine leichte Brise an mir zerren. Glücksburg. Ich verschiebe wieder einen Stein auf meinem Abakus. Dann der Blackout! Scheiße, sind jetzt schon vier oder fünf Steine auf der rechten Seite. Ganz ruhig bleiben. Ich besinne mich auf den Mathematikunterricht der ersten Schulklasse. In einem Buch von John Krakauer habe ich auch schon mal gelesen, dass Mount-Everest-Bergsteiger aufgrund der Höhenluft teilweise nicht mehr 2+2 rechnen können. Hier bin ich aber auf Meereslevel. Die Urzeit klärt mich auf. Die fünfte Runde zieht sich nun ein wenig. Radfahren macht plötzlich nicht mehr ganz so viel Spaß. Die Akkordeongruppe singt wieder.

Wollen die etwa in das Guinessbuch der Rekorde? Dann wieder der Basketballkorb. Ich schmeiße weit vorbei. Die Kinder buhen mich aus. Auf der Pulsuhr entdecke ich nun immer häufiger Werte unter 140. So langsam muss mein Kopf die Befehlsgewalt über den Körper übernehmen und die imaginäre Peitsche rausholen. In diesem Moment überholt mich ein Motorrad, dicht gefolgt von Joseph Spindler (dem späteren Sieger) auf seiner letzten Runde. Das rüttelt mich auf. Wieder in Glücksburg höre ich meinen Bruder Norman rufen „…Noch eine Runde…wir sehen uns gleich…“. Mein
Schnitt liegt mittlerweile bei gut 34 km/h. Ich schmeiße den Abakus weg und konzentriere mich auf optimale Aerodynamik und richtigen Puls.

Ganz leichter Regen setzt ein. Ich glaube es nicht, der Akkordeonspieler packt sein Instrument ein. Hätte ich beide Hände frei, würde ich dem Künstler für sein Mammutkonzert Beifall klatschen. Dann der Basketballkorb. Wurf – Treffer! Klappt doch! Endlich Glücksburg. 180 Kilometer liegen hinter mir. Der Schnitt liegt irgendwo bei 33,5 km/h.
Das ist sehr ordentlich. In der Wechselzone wird mir das Rad aus den Händen genommen.

Den Beutel mit der Nummer 429 finde ich sofort. Hinter der Hecke sehe ich den Kopf meines Bruders auftauchen:
„Wie fühlst du dich?...“ – „…Super…!“ (hm, stimmt das?) Ich schlüpfe in Socken und Laufschuhe und wechsle den
Helm in Kappe. Dann raus aus der Wechselzone. Gleich rechts um die Ecke passiere ich den großen Kiosk, der am
Eingang zur Landungsbrücke liegt. Genau hier hat nun meine Fangemeinde ihren Posten nebst Banner bezogen.
Kleine Umarmungen und Küsse können im Vorbeilaufen ausgetauscht werden. Mein Bruder reicht mir wie
verabredet eine Kochsalztablette (je Radrunde hatte ich bereits eine zu mir genommen, um den Flüssigkeitshaushalt
und die Verarbeitung von Mineralien zu optimieren).

Ich versuche mich auf meinen, noch etwas holprigen Laufstil zu konzentrieren. Ein Cowboy, der nach einem langen Arbeitstag den Saloon betritt, würde jetzt ähnliche Haltungsnoten wie ich bekommen. Ich steuere also den nächsten „Tresen“ an und schütte mir als Whiskey-Ersatz ein leckeres Isogetränk rein. Jetzt liegen 5 x 8,4 Kilometer vor mir (klingt irgendwie besser als 42 Kilometer). Ich trabe ganz locker auf der schmalen Uferpromenade vor mich hin. Die Athletendichte ist nun sehr viel höher, als auf dem Radkurs. An einigen Stellen ist es so eng, dass gerade einmal zwei Leute nebeneinander Platz finden. Auf der einen Seite spürt man hier sehr bewusst, wie jeder Sportler mit sich selbst kämpft, mit seinem eigenen Schweinehund ringt. Auf der anderen Seite fühlt man sich aber auch sehr verbunden, zusammengehörig. Man leidet unisono.

Der erste Blick fällt grundsätzlich auf den Hals. Die Anzahl der Kordeln gibt Auskunft über die Zahl der zurückgelegten Runden. Neidisch erblicke ich bereits viele mit einer Kordel, vereinzelte sogar mit zwei. Gut ein Kilometer
der Uferpromenade ist eine Sackgasse, an deren Ende man wieder zurücklaufen muss. Hier ist es möglich, direkten Blickkontakt aufzunehmen und sich damit Gesichter einzuprägen (wer holt mich gleich ein? Wen kann ich mir vom Leibe halten?). Irgendwo zwischen Kilometer 3 und 4 verlässt man das Ufer und läuft hinauf in die Stadt. Jawohl hinauf! Ich versuche locker zu bleiben, merke aber intuitiv, dass dies für meine 84 Kilo eine Art Schlüsselstelle sein wird. Oben im Schlosspark treffe ich auf meine alte Freundin Bettina und ihren Mann Norbert (ein alter Hase in Sachen
Triathlon). Ich solle mal einen Schlag zulegen, höre ich ihn rufen.
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Alt 25.09.2009, 19:19   #4
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Re: Ostseeman 2009 - Clemens´s Director´s Cut

In einem weiten Bogen um das Schloss erreiche ich dann wieder das Ufer. Hier warten Timm und sein Sohn Ben und
„begleiten“ mich ein Stück. „Du siehst noch gut aus…“ sagt er zu mir. „Echt?...“ Ich werfe ihm einen dankbaren Blick zu, verkneife mir aber eine weitere Konversation. Der Zielbereich ist ein Hexenkessel. Man läuft durch eine schmale Gasse. Hunderte von Metern „badet“ man in der Menschenmenge. Kurz vor dem Zieleinlauf werde ich aber nach links dirigiert. Klar, ich habe ja auch noch nicht vier Kordeln. Aber endlich wird mir die erste übergeworfen. Dafür neige ich gern mein Haupt. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich für die erste Runde 46 Minuten gebraucht habe. Ich rechne kurz hoch: Marathon 3:50; Endzeit 10:40! Wie geil ist das denn. Ich laufe wieder an meiner Fangemeinde vorbei und gebe meiner Schwester Inka einen Kuss. Mein Bruder drückt mir die Salztablette in die Hand. Am nächsten Stand versorge ich mich das erste Mal mit einem Becher Cola. Dieses Getränk wird für mich die nächsten drei Stunden genauso wichtig sein, wie Kohle für eine Dampflok.

Nur 500 Meter weiter entdecke ich einen kleinen Jungen, der mit Mutti´s Nagelschere kleine Magnesiumtütchen aufschneidet. Ich fülle mir die sandartige Substanz wie ein Junkee, der auf Droge ist, ein. Von Mutti gibt es dann den Becher Wasser als Verteiler obendrauf. Frisch betankt laufe ich in etwas flüssigerem Tempo die Promenade entlang. Am Wendepunkt greife ich noch mal zwei Gels mit Kirschgeschmack ab. Mein Gott, was habe ich bloß von diesem Zeug die letzten Stunden in mich rein gedrückt. Rechnerisch komme ich auf 6 ganze Riegel und 10 Gels. Dann mehrere Liter isotonisches Getränk. Der Zuckerberg würde wohl ausreichen, um den Bedarf einer vierköpfigen deutschen Familie für zwei Wochen zu decken. Dann wieder der Anstieg.

Verdammt ist der steil. Man läuft hier an Häusern mit kleinen Vorgärten vorbei. Ein Mädchen hält mir ein Schälchen mit
Gummibärchen hin. Ich lächle verkniffen. Aus Anstand nehme ich einige. Das Mädchen grinst mich dankbar an. Außer Sichtweite landet das Weingummipurée aus meinem Mund hinter der nächsten Hecke. Ich bekomme es einfach nicht runter. Weiter oben kreuzt die Laufstrecke die Radrunde. Hier beobachte ich immer noch viele Athleten auf ihren Rädern. Genau auf diesem härtesten Kilometer der Strecke, dem Berg, ist die Zuschauermenge stark dezimiert.

Als wenn man hier die Läufer in ihrer größten Qual, ihrer stärksten Anstrengung, ihrer höchsten Konzentration nicht stören will. Es muss in der Tat ein furchtbares Bild sein, wie die Götter von vorhin sich jetzt die Anhöhe hochkämpfen. Sollte man als Zuschauer nun eher ein gequältes Lächeln machen, um Anteilname zu demonstrieren (das könnte
demotivierend wirken), oder lieber freudig lächeln, um „gute Laune“ zu verbreiten (lächelt man bei einer Hinrichtung?), oder sollte man gar wild und laut anfeuern, womöglich noch mitlaufen (aggressive Sportler können
ja so unberechenbar sein!)? Für die zweite Runde benötige ich dann 48 Minuten. Noch kein Grund, die Flinte ins Korn zu schmeißen. Unter 11 Stunden werde ich ja wohl bleiben. Die zweite Kordel wird mir elegant von einer jungen Helferin übergeworfen. Laut begrüßt mich mein Fanclub. Meine Tochter legt ihre Pommes weg, um mich zu empfangen. Das sind tolle Momente, die einem sehr viel „Kraft“ spenden. Ich laufe weiter und spüre plötzlich einen leichten Klaps auf meinem Rücken. „Brauchst du deine Tablette?...“ Im Laufen hält mir mein Bruder das weiße Pillchen vor die Nase. „Natürlich…“ In seinem Gesichtsausdruck meine ich den Hauch eines „besorgten“ Pflegers im Altenheim zu erkennen, der frühmorgens bunte Pillenrationen in Schälchen verteilt. „Sehe ich denn so schlecht aus…“ denke
ich. Sicherheitshalber steure ich kurze Zeit später noch mal den Jungen mit der Nagelschere an. Das Magnesiumpulver kribbelt wie Ahoi – Brause auf der Zunge. Ich kann jetzt eh nur noch Flüssigkeiten und Substanzen zu mir nehmen, deren Aggregatzustände mir erlauben auf die Zähne zu verzichten (und muss wieder ans Altenheim denken).

Plötzlich werde ich von einem „Laufenden Kunstwerk“ überholt (siehe links). Sachen gibt’s. Ich muss mein Vorurteil, wie Triathleten nicht auszusehen haben, stark revidieren. An hand der 3 Kordeln um seinen Hals muss ich neidisch
eingestehen, dass es sich nicht um einen kurzen Werbelauf für ein Tatoostudio handelt. Beim Wendepunkt auf der Uferpromenade muss ich mir eingestehen, dass ich mein Tempo nicht halten kann. Oh,oh und das Ziel ist noch so fern. Das 3. Mal mache ich mich an die Besteigung. Noch mal reduziere ich das Tempo. Eine spurtende Weinbergschnecke hätte jetzt gute Chancen gegen mich. Oben im Schlosspark frage ich mich, ob ich das erneut schaffen kann (und danach noch mal!). Noch 20 Kilometer liegen vor mir. Das ist der kritische Punkt im ganzen
Rennen, dass wusste ich vorher. Starke Zweifel über die Sinnhaftigkeit des Unterfangens keimen in mir auf. Diese 20 Kilometer, die ich sonst locker jeden Sonntag vor dem Frühstück jogge, werden nun zu einem gigantischen und
anscheinend unlösbaren Problem. Der innere Wunsch ins GEHEN zu wechseln, oder gar ganz AUFZUHÖREN ist ganz nah und unmittelbar. Aber ich gebe mir einen Ruck. Vieles kann heute noch passieren, nur eins nicht: Das ich aufgeben werde. Niemals. Am nächsten Stand gibt es wieder Cola und Gel.
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Alt 25.09.2009, 19:19   #5
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Re: Ostseeman 2009 - Clemens´s Director´s Cut

Einen riesigen Becher „atme“ ich förmlich ein. Weit hinter mir höre ich einen Läufer rufen: „Habt ihr noch Erdbeer oder Kirsche??...“- „…Nein, nur noch Banane!!“… “Scheiße!“ Ich umklammere das Gel mit Kirschgeschmack, dass ich vom letzten Boxenstop mit mir führe, noch ein kleines bisschen mehr. Kurz bevor man das Ufer erreicht, ist eine kleine Brücke zu überqueren.

Wie durch ein Wunder hebt sich die innere Stimmung hier immer. Von weitem hört man den Lärm aus dem Zielbereich. Immer wieder die aufmunternden Rufe der Zuschauer: „Du hast es gleich…“ Ich greife zu den Kordeln und kann selbst nach mehrmaligen Fühlen, nur zwei ertasten. Der tumultartige Jubel im Zielbereich hat infernalische Züge angenommen. Die ersten werden im Ziel gefeiert. Der Lohn für monatelanges, beinhartes Training. Endlich die Kordel. Noch zwei Runden. Nur noch zwei lumpige, verdammte Runden. Etwas gequälter laufe ich diesmal an meinen Leuten vorbei. In Ihren Gesichtern kann ich nachlesen, wie ich mich fühle. „Ich bin im A…“ raune ich meinem
Bruder zu. In Trance werfe ich mir die Tablette ein. Aus den Augenwinkeln erblicke ich Inka und ihren Freund Frank mit einer kalten Flasche Flensburger Pils. Das Leben könnte doch so schön sein.

Jetzt freue ich mich erstmal über das Tütchen Magnesium. Da, endlich der Junge. Aber er hält mir nichts hin. „Bitte 1x Magnesium…“ höre ich mich fragen. „Magnesium ist aus…“. Ein kleiner Schock durchfährt mich. Mein Blick muss Bände sprechen, worauf der Junge ein noch verzweifelteres Gesicht macht, als ich selbst. Benommen trotte ich weiter. Noch nicht wieder ganz bei mir, muss ich jetzt miterleben, wie mich ein kleiner, älterer Mann mit deutlichem Bauchansatz im flüssigen Tempo überholt. Verdammt, dass müssen getarnte Muskeln sein. Ich hefte mich an seine Fersen und gebe alles. Dann erblicke ich aber auf seiner Wade das große S (S=Staffel). Danach der Blick auf seinen Hals (eine Kordel). Etwas beruhigter lasse ich ihn ziehen.

Der hat ja erst gerade angefangen. Ich schaue auf die Uhr: 150 Puls. Ich kann es fast nicht glauben. Auch die Zeit ist keine gute Botschaft für mich. Ich bin mir jetzt sicher, dass ich die 11 Stunden nicht packen werde. Eine furchtbare Erkenntnis. Mental bin ich jetzt auf dem absoluten Tiefpunkt angekommen. Mutlos quäle ich mich den Berg hoch. Ich verfluche die Steigung, ich verfluche das Rennen, ich verfluche den Sport und, ja, ich verfluche mich. Ich bin ein Looser, ein Versager. „Möchtest du ein Gummibärchen?“ Das Schälchen in der Hand des Mädchens taucht vor meinen Augen auf. Ich erblicke meine Finger, die doch tatsächlich nach einem der Bärchen greift. Diese Fehlfunktion der innerkörperlichen Befehlskette muss ich später noch analysieren. Das süße Gift verschwindet in meiner Hand, die sich sogleich zur Faust formt. Was ist schon die lausige, vom Seewolf zerdrückte Kartoffel, gegen einen gekillten Haribo Goldbären (quod erat demonstrandum).

Oben angekommen scheine ich am Ende meiner Kräfte. Allein der Wille lässt mich jetzt weitermachen. Im Schlosspark höre ich dann wieder von hinten die mir bekannte Stimme: „Habt ihr noch Fruchtgeschmack?...“ – „Nein, nur noch Banane!“. Lautes Fluchen ist die Folge. Dabei fällt mir ein, dass ich noch…Ich öffne die Faust (nein, nicht die mit der Haribo-Briefmarke). Ich reiße das Gel mit Kirschgeschmack auf und lasse den Inhalt direkt in meinen Schlund laufen. Neuer Mut keimt in mir auf. Ich passiere die 33 Kilometer Marke. Endlich bin ich „einstellig“. Die Menschenmenge vor dem Ziel, mit ihren stetigen Anfeuerungswogen, setzen zusätzliche Kraftreserven frei. Zum letzten Mal laufe ich am
Zieleinlauf vorbei und lasse mir die vierte Kordel überwerfen. Für Runde 3 und 4 habe ich jeweils 54 Minuten gebraucht. Eine indiskutable Leistung. Knappe sechseinhalb Minuten pro Kilometer. Das will ich auf meiner letzten Runde besser. Jetzt ist alles egal. Jetzt muss alles raus, was noch drin ist. Meine Familie und meine Freunde „tragen“ mich förmlich durch Anfeuern und Schulterklopfen weiter. „Papi, du schaffst es…“ rufen meine Kinder und ich meine kleine Tränen in ihren Augen erkennen zu können. Die Passion Clementi zum Anfassen. Aber der Pastor hat heute morgen zum Glück versprochen, dass der Liebe Gott bei uns sein wird. Ich flöße mir im Laufen noch einen Becher Cola ein und blase dann zum letzten Angriff. Subjektiv habe ich jetzt das Gefühl, schnel-ler unterwegs zu sein. Meter für Meter, Minute für Minute zähle ich runter. Ich versuche die volle Konzen-tration nur noch auf mich zu richten und mein Umfeld auszublenden. Zum letzten Mal will der Berg mich in die Knie zwingen. Vergebens. Wie ein alter Ackergaul pflüge ich die Serpentinen hinauf. Ich beiß die Zähne zusammen, um dem allgemeinen Körperdrang zu widerstehen, einfach aufzuhören.

Oben angekommen fällt mir auf, dass ich das Mädchen mit den Gummibärchen gar nicht gesehen habe (oder bin ich einfach vorbeigelaufen?). Die Kilometerschilder 38 und 39 ziehen an mir vorbei. Ich gebe alles und versuche die letzten Kraftreserven abzurufen. Noch 2 Kilometer (auf der Uhr lese ich 10:52 – aus der Traum). Ich fliege über die Brücke. Noch ein Kilometer. Endlich die Menschengasse. Die Knie werden weich. Bitte nicht straucheln. Der Schlussspurt setzt automatisch ein…und gerät viel zu lang. Egal, da muss ich jetzt durch. Nicht nachlassen. Trommeln,
Schreie, unendlich viele Gesichter und klatschende Hände um mich herum. Ich spüre plötzlich keine Schmerzen mehr.
Noch 100 Meter. Da, vor mir, die Abzweigung (an der ich viermal vorbeilaufen musste). Mit geschultem Blick erkennt man meine 4 Kordeln und gibt den Weg frei (mich hätte jetzt eh keiner mehr aufgehalten). Der blaue Teppich läuft sich prima. Sprint. Die Arme hoch. Das Ziel. Endlich. Geschafft. Nichts geht mehr. Rien ne va plus. Ist das herrlich. Ein einzigartiger Moment, in dem der ganze Gefühlsapparat verrückt spielt. Alle dummen Fragen nach dem Sinn des ganzen, sind in wenigen Sekunden beantwortet. Emotionen pur. Das sind Erlebnisse, die einem keiner mehr nehmen kann. Niemand. Völlig absurd zu versuchen einem anderen das zu erklären. Man muss es einfach tun!!!
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